Selbsteinschätzung beim Programmieren: Zähler und Nenner

Immer wieder sehe ich in Lebensläufen Selbsteinschätzungen zur Programmiererfahrung als Prozentwerte. Ich verstehe zwar die Motivation, finde es aber ziemlich sinnlos.

Auf der Arbeit bin ich immer wieder in Bewerbungsprozesse involviert und habe entsprechend viele Lebensläufe gesehen. Eine Sache, die manche Personen machen, sind ihre Fähigkeiten zu quantifizieren. Da stehen dann Dinge wie »Python 5/5, C++ 4/5«. Das wirkt erstmal ziemlich präzise. Bei genauerer Betrachtung ist es dann aber eher kurzsichtig gedacht.

Wie funktioniert denn so eine Selbsteinschätzung? Wenn mich jemand fragt, wie gut ich Python programmieren kann, dann müsste ich ja schon etwas dazu sagen können. Ich überlege mir also, was ich alles so weiß, wie viel Erfahrung ich habe, und was ich so alles noch nicht weiß. Und dann habe ich ein Gefühl von der Gesamtheit des Wissens und Erfahrung und kann meine in Relation dazu setzen.

Aber da ist ein Problem: Gerade wenn ich noch Anfänger bin, dann weiß ich ja gar nicht, was da noch alles kommt. Zum Beispiel in C++ gibt es diesen Moment für Leute, die von C kommen: Anfangs sieht es aus, als wäre C++ nur so ein »C mit Klassen«. Wenn man erst das gesehen hat und dann mit den grundlegenden Dingen der Objektorientierung klarkommt, dann kann man legitim davon überzeugt sein, alles zu wissen, was da kommt. Man schätzt also die Gesamtheit auf das ein, was man so gesehen hat. Vielleicht ist da noch ein kleines Ding. Und schon gibt man sich 90 bis 100 %.

Dann stellt man aber vielleicht irgendwann fest, dass es da noch die ganzen Templates gibt. Oder dass es seit C++98 noch neuere Standards gibt. Diverse Plattformen haben ihre eigenen Effekte. Oh, und dann noch die ganze Parallelität mit Threads, Atomics, Koroutinen und so weiter. Und schon wird die Gesamtheit größer. Die gleiche Person müsste ihr Wissen dann auf vielleicht 50 % reduzieren, obwohl sie nicht weniger weiß. Im Gegenteil: Sie weiß jetzt mehr über das, was sie nicht weiß.

C++-Erfinder Bjarne Stroustrup wurde mal gefragt, wie er sich selbst in C++ einschätzen würde. Er sagte 7/10 würde er sich geben. Das ist ein Mann, der manchmal als »C++-Gott« beschrieben wird. Und er schätzt sich so ein, dass er nur 70 % von dem weiß, was es über C++ zu wissen gibt. Gut, gerade durch seine Arbeit mit dem Standardisierungskomitee sieht er wohl sehr viele Erweiterungsvorschläge und hat dadurch ein besonders gutes Gefühl für das, was er nicht im Detail weiß.

Aber wenn sich Herr Stroustrup bei 70 % einordnet, dann ist fast jede Angabe mit »90 %« auf einem Lebenslauf schlichte Selbstüberschätzung. Und zwar nicht böswillig, sondern einfach weil Leuten am Anfang gar nicht klar ist, was da noch so alles kommt.

Auf meinem Lebenslauf habe ich gar keine quantitative Angaben. Vielmehr habe ich eine Liste, die ich so nach relativer Erfahrung sortiert habe. Und zu jeder Station in meinem Lebenslauf habe ich noch ein paar Stichpunkte, was ich da gemacht habe. So kann sich die andere Seite da hoffentlich ein paar Gedanken machen.

Und wenn man mich im Gespräch fragt, versuche ich ein paar Dinge zu nennen, die ich kenne und auch die Grenze meines Wissens abzustecken. Wenn die andere Seite sich besser auskennt als ich, ist das ziemlich hilfreich um diese Grenze zu sehen. Und falls die andere Person von dieser Grenze noch nicht gehört hat, ist es auch okay und einsortierbar. Auf einigen Zeilen im Lebenslauf ist das aber so nicht machbar.