Der letzte Tankrabatt hat mich schon wahnsinnig gemacht, die Neuauflage ist kein Stück besser. Ein paar Gedanken zur Preisfindung von Dingen und was das über den Tankrabatt aussagt.
Im Supermarkt stehen die Preise am Regal, da wird gar kein Preis ausgehandelt. Man entscheidet sich nur, ob man das Produkt kauft. Wie der Preis bestimmt wird, bekommt man nicht mit. Kauft man etwas auf dem Flohmarkt, handelt man mit der anderen Person. Man sagt irgendwelche Preise und nähert sich in eine Mitte an. Beides finde ich für die das Verständnis von Preisfindung nicht so hilfreich.
Kryptowährung ist das perfekte Nicht-Produkt. Es hat keinen intrinsischen Wert, es ist für nichts konkretes gut, nimmt keinen physischen Platz ein und hat weder Liefer- noch Lagergebühren. Und in diversen Kryptobörsen findet man dann das »Order Book«, die Liste mit Kauf- und Verkaufsanfragen.
Angenommen der letzte gehandelte Bitcoin wurde für 60.500 EUR gehandelt. Leute werden Angebote machen wie »ich verkaufe einen Bitcoin für 60.600 EUR« oder »ich verkaufe zwei Bitcoin für 60.700 EUR«. Auf der anderen Seite werden Leute anbieten Bitcoin für 60.400 oder 60.300 EUR zu kaufen. Dazwischen ist eine kleine Lücke, für 60.500 EUR wollen Leute weder kaufen noch verkaufen. Da aber Verkaufsangebote erst ab 60.600 EUR im Raum stehen, Kaufangebote aber nur für unter 60.400 EUR, kommt niemand ins Geschäft.
Das kumulierte Orderbook sieht dann so aus:
Auf der linken Seite ist die Nachfrage. Und je geringer der Preis wird, desto mehr Nachfrage gibt es insgesamt. Klar, sollte irgendwer seine Bitcoin für 60.100 EUR loswerden würde sich jemand finden der die gerne nimmt. Oder aber wenn jemand Bitcoin für 60.900 EUR unbedingt haben möchte, findet sich ein Verkäufer.
Sobald jetzt jemand aber dringend Bitcoin kaufen möchte, muss diese Person letztlich das Angebot für 60.600 EUR annehmen. Geht diese Transaktion durch, ist der letzte gehandelte Bitcoin bei 60.600 EUR und wir sagen »Bitcoin steht bei 60.600 EUR«. Durch die Transaktion hat sich der Preis verschoben. Das Orderbook ist aber fast wie vorher, das eine Angebot ist weg. Die nächste Person, die unbedingt Bitcoin haben möchte, muss dann schon 60.700 EUR bezahlen, weil das Angebot für 60.600 EUR ja schon angenommen worden ist. Der Preis steigt bei Nachfrage also weiter.
Dann sind nur noch Angebote ab 60.800 EUR verfügbar. Da denken sich die Leute vielleicht es wäre zu teuer, entsprechend sinkt die Nachfrage. Eventuell wollen Leute auch wieder verkaufen und ihre Gewinne mitnehmen. Aber im Orderbook gibt es nur Kaufangebote für 60.400 EUR, das lohnt sich also nicht zu verkaufen. Das Orderbook wird aber laufend aktualisiert. nachdem jemand für 60.700 EUR gekauft hat, wird irgendwer neues eine Kauforder für 60.500 und 60.600 EUR einstellen.
Auspreisen aus dem Markt
Schauen wir uns nun eine Ressource an, die man tatsächlich für etwas gebrauchen kann und die nicht nur Spekulationsobjekt ist, Treibstoff. Und nehmen wir einen sehr rationalen Käufer an, ein Speditionsunternehmen. Und nehmen wir ein stark vereinfachtes Kostenmodell pro Tonne und pro Kilometer. In einen LKW gehen 40 Tonnen Fracht rein, pro Strecke verbraucht der LKW eine gewisse Menge Diesel. Ein LKW verbraucht voll beladen vielleicht 30 l Diesel auf 100 km.
Bei einem Dieselpreis von 2,00 EUR/l kosten 100 km dann 60 EUR. Wir sind dann bei 1,5 ct/km/t, also anderthalb Cent pro Tonne und Kilometer. Dazu kommen natürlich Personal- und Materialkosten sowie diverse andere Dinge. Aber die hängen nicht vom Dieselpreis ab, ignorieren wir die einmal.
Angenommen, die Spedition bietet ihren Dienst für 1,6 ct/km/t an. Dann kann der Dieselpreis auf 2,13 EUR/l steigen bevor die Firma anfängt Verlust zu machen. Entsprechend würden sie dann keine Fahrten mehr anbieten und auch keinen Diesel mehr nachfragen. Weil es für die hohen Preise weniger Nachfrage mehr gibt, steigt der Preis nicht mehr so schnell an. Die teuren Angebote im Orderbook werden nicht ausgeführt, weil sich kein Käufer findet.
Nun gibt es eine Spedition mit effizienteren LKW, die verbrauchen nur 25 l/100 km. Die könnten sogar bis zu 2,56 EUR/l Dieselpreis mitgehen bevor sie Verlust machen. Somit hätte der höhere Dieselpreis die eine Spedition aus dem Markt gedrängt, die andere aber nicht. Es wird noch Diesel von jenen Firmen gekauft, die effizient genug sind um einen Mehrwert damit zu schaffen.
Höhere Preise, mehr Angebot
Normalerweise führen höhere Preise zu mehr Angebot. Wenn die Leute bereit sind mehr für Diesel zu zahlen, können Raffinerien zu höheren Preisen einkaufen und trotzdem eine Marge haben. Und wenn Raffinerien zu höheren Preisen einkaufen, verkaufen Ölförderstaaten zu höheren Preisen. Und wenn sie für ihr Öl mehr Geld bekommen, lohnen sich auch teurere Fördermethoden. Da wird dann plötzlich in Kanada Sand umgegraben, um an Öl zu kommen. Irgendwie im tiefen Meer wird noch eine Bohrinsel gebaut. Das Angebot steigt, wenn auch Angebote bei höheren Preisen.
Durch das höhere Angebot bei höheren Preisen gibt es immer genug Öl auf dem Markt um alle Nachfrage zu befriedigen. Allerdings ist der Preis womöglich so hoch, dass nicht mehr alle Öl haben wollen. Die Nachfrage sinkt. Und sobald sich Angebot und Nachfrage im Gleichgewicht befinden, wird der Preis stabil.
Elastizität
Es gibt elastische und inelastische Nachfrage. Elastische ist Nachfrage, wenn sie sehr stark vom Preis getrieben ist. Das ist bei nicht wirklich nötigen Dingen der Fall. Bei Benzin ist es für Pendler mit Benzinauto allerdings keine Frage des Preises, die müssen fahren und tanken. Entsprechend ist die Nachfrage konstant, egal wie hoch der Preis geht.
Der Markt als Ressourcenallokationsmechanismus mit begrenzten Ressourcen funktioniert allerdings nur, wenn der Preis so hoch werden kann, dass Leute nicht mehr kaufen. Wenn wir eine Knappheit an einer Ressource auf dem Weltmarkt haben, müssen zwangsläufig Leute aus dem Markt gedrängt werden, damit die Nachfrage zum Angebot passt. Und beim Benzin bedeutet das schlicht, dass Leute nicht mehr fahren weil es zu teuer ist.
Erst wenn genug Leute ihren Benzinverbrauch reduzieren, wird der Preis nicht mehr weiter steigen. Solange aber alle stur weiter verbrauchen, wird der Preis weiter steigen. Das ist kein Versagen des Marktes, das ist der Kernmechanismus des freien Marktes.
Der Preis wird so lange steigen, bis sich Leute Gedanken machen wie:
- Bei 2,20 EUR/l probiere ich das mal mit dem Homeoffice aus.
- Also bei 2,50 EUR/l ist eine Fahrgemeinschaft vielleicht doch gar nicht so schlimm.
- Also bei 2,70 EUR/l kann ich vielleicht auch mal diesen Bus ausprobieren.
- Bei 3,00 EUR/l ist für mich die Grenze erreicht, ich kaufe ein E-Auto.
Internationaler Markt
Das ganze passiert letztlich weltweit. Das Öl kostet überall auf der Welt letztlich gleich viel, die Raffinieren exportieren auch. Somit ist der Grundstoff ungefähr gleich teuer, die Transportkosten sind natürlich etwas unterschiedlich. Benzinkäufer aus aller Welt stehen also in Konkurrenz miteinander.
Der Benzinpreis in Deutschland setzt sich dann aber nicht nur aus dem rohen Preis sondern auch aus diversen staatlichen Abgaben zusammen. Wir haben also einen gewissen Offset gegenüber dem Weltmarkt. Andere Länder haben andere Steuern, die Länder stehen zwar in Konkurrenz aber jedes Land mit Offset. Je nach dem, wie diese Schwellen sind, bekommen Benzinkäufer in Deutschland, Frankreich und China dann unterschiedliche Preise. Aber irgendwann sind die Schwellen zu Fahrgemeinschaften, Bus oder E-Auto dann für Leute überschritten und die Nachfrage sinkt.
Wenn Deutschland jetzt die Steuern auf Benzin senkt, verschiebt sich der Offset. Die Preise sinken innerhalb des Landes, aber nicht auf dem Weltmarkt. Wenn der Preis an der Tankstelle niedriger wird, steigt die Nachfrage wieder. Durch die steigende Nachfrage in Deutschland steigt der Preis auf dem Weltmarkt minimal an. Und dadurch steigen die Preise in allen anderen Ländern minimal an. Dort wird die Nachfrage minimal sinken.
Effektiv führt der Tankrabatt zu einer größeren Allokation nach Deutschland, weil die Nachfrage innerhalb des Landes steigt. Der Bund verändert somit den Offset, über den deutsche Konsument:innen in Konkurrent mit jenen aus anderen Ländern stehen. Um die deutsche Wirtschaft zu schützen, ergibt das tatsächlich Sinn. Der Staat schützt deutsche Unternehmen vor der Konkurrenz durch das Ausland.
Klimapolitik über Anreize
Betrachtet man das ganze mal aus dem Blickwinkel Klimaschutz, ist es natürlich verherend. Die Union will keine Verbote sondern setzt auf Anreize. Und diese sind immer finanzieller Natur. So soll es über einen CO₂-Preis gehen. Das bedeutet im Klartext: Benzin soll perspektivisch so teuer sein, dass Leute keine Lust mehr haben, zu tanken.
Nun wird tanken teurer und Leute verlieren die Lust zu tanken. Das ist doch eigentlich genau das, was erreicht werden sollte? Wenn man mit einem E-Auto günstiger fahren kann als mit knappem Benzin, wäre doch jetzt der ideale Zeitpunkt für einen Umstieg. Es würde die Nachfrage an E-Autos erhöhen, für die sich die deutschen Hersteller nun so langsam auch mal ausrichten.
Aber nein, sobald es dann mal ernst wird, subventioniert die Politik klimaschädliches Handeln weiter. Damit kann man sich schon überlegen was passiert, wenn andere fossile Rohstoffe teuer werden. Unser letzter Gastarif hatte 9 ct/kWh im Gas, für Strom zahlen wir 31 ct/kWh. Unsere Wärmepumpe ist noch zu neu um eine Jahresarbeitszahl (JAZ) zu nennen, aber profitabel wäre es mit diesen Tarifen ab JAZ 3,44. Sobald Strom günstiger oder Gas teurer wird, ist die kritische JAZ geringer. Und somit wird sich der Umstieg auf Wärmepumpe immer mehr lohnen. Sobald Gas aber deutlich teurer wurde, hat die Politik eine Gaspreisbremse beschlossen. Ich kann mir vorstellen, dass sie in fünf oder zehn Jahren das gleiche machen, wegen den ganzen armen Leuten mit Gasheizungen. So wird das nichts.
Subventionen mit der Gießkanne
Das andere ist wie die Partei der »Wirtschaftskompetenz«, die den linken Parteien Subventionen mit der Gießkanne vorwirft, nun den Tankrabatt per Gießkanne verteilt. Verkehrsminister Schnieder sagte:
Einzelne Branchen und Verkehrsteilnehmer seien auf das Auto oder den Lkw angewiesen und bräuchten Unterstützung. — ZDF Heute
Aha, es sind also nur einzelne Personen oder Branchen auf PKW/LKW angewiesen. Zudem ignoriert er gekonnt, dass nicht alle Autos und LKWs fossilen Treibstoff brauchen. Gerade wenn ich bei unklarer Versorgung mit fossilen Brennstoffen auf das Auto angewiesen bin, würde ich mir doch ein E-Auto besorgen?
Und weil einzelne Personen und Branchen auf Fahrzeuge angewiesen sind, aber nicht auf Elektroantrieb umgestellt haben, bekommen alle nun diese Subventionen. Das ist für mich die Definition von Gießkanne.
Vor allem bekommen Leute mit höherem Verbrauch auch mehr Subvention. Wenn ein Auto mehr Treibstoff verbraucht, bekommt man mehr Subvention. Auch das erscheint mir widersinnig.
Fazit
Der Tankrabatt kann als staatliche Wirtschaftspolitik schon Sinn ergeben, ähnliche wie in China der Staat die Wirtschaft auch gegenüber der ausländischen Konkurrenz fördert.
Allerdings ist es klimapolitisch eine Katastrophe weil es Anreize zum Umstieg auf erneuerbare Energien verhindert. Und damit ist es dann auch geostrategisch nicht gerade schlau. Zuletzt ist es aber auch eine unscharfe Subvention, was mir gerade von der Union ziemlich merkwürdig vorkommt.
