In meinen Texten nutze ich Gendersprache, weil der Nutzen wissenschaftlich belegt ist. Neulich habe ich wieder meinen eigenen Genderbias gemerkt und sehe den Nutzen nochmal direkter.
In einem modernen Musikstück im Achtziger-Synthwave-Stil habe ich etwas auf dem Schlagzeug gehört, das mir gefallen hat. Ich wollte wissen, wie das heißt.
Die normale Stichwortsuche hätte mir hier wohl wenig geholfen, also habe ich die KI gefragt, ob sie das versteht:
Wie heißt das beim Schlagzeugspiel, wenn man mit beiden Sticks in doppelter oder vierfacher Geschwindigkeit auf eine Trommel hämmert (so vier oder achtmal), dann auf die nächste und dann auf die nächste?
Das Teil hat mir dann »Tom-Fill« genannt, auch von Doppelschlägen nach dem Muster RRLL erzählt. Dann habe ich explizit nach dem Stück gefragt. Und dann ging es plötzlich um »Tom-Fill mit Double- oder Paradiddle-Rolls« und »Simmons Tom Fills«.
Also »Tom« ist die Trommel, aber was ist jetzt ein »Roll« und ein »Fill«? Ich habe mich dann zu YouTube begeben und nach diesen Dingen gesucht. Ich bekam Videos von Schlagzeugern und Schlagzeuglehrern, die diese Techniken erklärt haben. Ich versuchte in der Isolation dieser Technik zu verstehen, ob es das ist, was ich gehört habe.
Während ich durch die verschiedenen Videos schaute, war da plötzlich eine Schlagzeugerin, die das erklärte. Und ich merkte, wie mir das komisch vorkam. Ich war überrascht, als sie das ganz selbstbewusst erklärt und sauber spielte. In einem anderen Video saß eine ältere Frau an einem Schlagzeug. Das Video schien professionell gemacht. Sie zeigte dann einmal in normaler Geschwindigkeit, was sie in diesem Video erklären wird. Das sah und klang richtig gut. Und ich merkte einfach, wie das nicht zu meinen bisherigen Erfahrungen passen wollte.
Hätte man mich vorher explizit danach gefragt, ob Frauen Schlagzeug spielen könnten, hätte ich das bestimmt bejaht. Es gibt ja letztlich keinen Grund, warum das nur Männer können sollten. Aber hätte ich eine Schlagzeugerin benennen können? Nein, mir fällt seit Tagen keine ein. In den Musikvideos, die ich kenne, sitzt am Schlagzeug immer ein Mann. Bei Trance sind es meist Männer an der DJ-Konsole, häufig machen Frauen den Gesang. Einzelne Trance-Stücke sind von Frauen erzeugt worden. Bei Metall-Bands kenne ich es eigentlich auch meist mit Männern an den Instrumenten und dann eine Frontfrau mit Gesang.
Gendersprache
Weil ich abstrakt um diese Art Gender-Bias weiß und die Evidenz klar für Gendersprache spricht, nutze ich das in meinen Beiträgen. Es widerspricht zwar der Ikonizität der Sprache, außerdem haben grammatikalisches Genus und biologisches Geschlecht technisch gesehen nur eine Korrelation. Aber gerade weil der Gender-Bias für mich erlebbar und wissenschaftlich belegbar ist, muss die Sprache hier lebendig bleiben.
Die KI hat Passivformulierungen genutzt, die kein Gender enthalten (Hervorhebung von mir):
Die Spieltechnik der schnellen Schläge selbst (mehrere Anschläge pro Hand, bevor man wechselt) nennt sich meist Double Strokes (Doppelschläge) – man spielt also z. B. RRLL oder RRRLLL statt einfach nur R-L-R-L.
Somit wurde mir kein Bild erzeugt, ich hatte mein Bild vom männlichen Schlagzeuger einfach weiter vor Augen. Entsprechend irritiert war ich dann von den Videos.
Der Satz hätte aber so lauten können:
Die Spieltechnik der schnellen Schläge selbst (mehrere Anschläge pro Hand, bevor die Schlagzeuger:in wechselt) nennt sich meist Double Strokes (Doppelschläge) – die Schlagzeuger:in spielt also z. B. RRLL oder RRRLLL statt einfach nur R-L-R-L.
Man kann jetzt darüber streiten, ob es »der:die Schlagzeuger:in« oder »der*die Schlagzeuger*in« heißen soll. Ich verstehe Argumente gegen den Fokus auf ein binäres Gendersystem, den Sinn von * oder _ und wie der reine Doppelpunkt wie TERF wirken kann, was aber nicht meine Intention ist.
Jedenfalls hätte ich bei diesem Satz wohl kurz gestockt und wäre irritiert über das enthaltene »Schlagzeugerin« gewesen. Das wäre gut gewesen, schließlich hätte mich das mit meinem Bias konfrontiert. Durch die Passivformulierung ist das nicht passiert.
Aber wohl erst durch die Videos ist mir so richtig die Reibung mit meinen unbewussten Vorurteilen aufgefallen. Mir fehlte wohl einfach die Erfahrung, eine Frau an einem Schlagzeug sitzen zu sehen, mir fehlte das weibliche Vorbild.
Fazit
Diese Erfahrung hat mir nochmal deutlich gemacht, wie wichtig Gendersprache ist. Konkrete Vorbilder erleben ist nochmal wichtiger, aber das bringt schon etwas. Aktive Formulierungen wie »Schlagzeuger:innen« tun auf eine gute Art weh, wenn man einen Bias hat. Das erzeugt Reibung, aber die braucht es zur Überwindung eines Bias. Bei »Schlagzeug spielende Person« hätte ich wohl abstrakt die Gendersprache registriert, mir aber nicht unbedingt eine Frau vorgestellt. Bei der Passivkonstruktion mit »man« ist aber einfach nur mein Schlagzeuger-Bild aktiviert worden.
Von daher habe ich jetzt etwas über Musik gelernt und noch einen Gender-Bias erlebt und überwunden.