Das Konzept rechts-vor-links scheint manchen Leuten nicht so ein Begriff zu sein, da richtet sich Vorfahrt nach gefühlten Hauptstraßen. Es ist faszinierend zu sehen.

In einer Tempo-30-Zone gibt es nur rechts-vor-links, das steht so in § 45(1c) StVO. Ob man das in der Fahrschule explizit so lernt, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls lernt man, an Kreuzungen ohne explizite Schilder von rechts kommenden Verkehr die Vorfahrt zu gewähren. Eigentlich ist das eine relativ einfach zu merkende Regelung, finde ich jedenfalls.

Hier im Wohngebiet gibt es viele Einmündungen (T-Kreuzungen). Und auch da gilt rechts-vor-links. Nehmen wir einmal die Kreuzung so liegend wie in T an, dann kann man von 3, 6 und 9 Uhr kommen; also von rechts, von unten, von links. Jene von 3 Uhr kommend müssen keine Vorfahrt gewähren, da darf man dann auch mit 30 km/h durchfahren, wenn man das hinreichend einsehen kann. Aber von 9 Uhr kommend, kann man das eben nicht. Es könnte ja Verkehr von 6 Uhr kommen.

Schaue ich mir aber an, wie sich die Leute verhalten, wenn ich selbst von 6 Uhr komme, ist das abenteuerlich. Gefühlt die Hälfte der Leute schaut noch nicht einmal in die Einmündung. Die andere Hälfte schaut schon. Die Fahrschüler:innen halten teilweise sogar an und schauen sehr penibel in die Einmündung.

Ich weiß nicht, was bei den Leuten im Kopf passiert. Vielleicht sehen sie die Einmündung nicht. Oder aber sie glauben, auf einer »Hauptstraße« zu sein, die entsprechend auch eine Vorfahrtsstraße ist. Kann sie in einer Tempo-30-Zone gar nicht sein.

Wenn ich also von 6 Uhr komme, schaue ich nach rechts (da muss ich Vorfahrt gewähren), aber auch nach links (von da wird mir Vorfahrt genommen). Und weil womöglich einige Leute glauben, aus der Einmündung heraus gegenüber allen Vorfahrt gewähren zu müssen, andere wie ich vorsichtig sind, verstärkt sich womöglich das Gefühl der »Vorfahrtsstraße« noch weiter. Das ist dann die »gefühlte StVO«.

Falls man mal ein neues Auto haben wollte, könnte man in so eine Kreuzung einfach korrekt einfahren und nur nach rechts Vorfahrt gewähren. Kommt in jenem Moment einer mit gefühlten Verkehrsregeln, wird das ein Seitenaufprall. Leider direkt auf der Fahrerseite, was gefährlich ist. Aber die Schuldfrage wäre wohl eindeutig, man würde von der gegnerischen Versicherung den Zeitwert des Autos erstattet bekommen.

Gerade weil diese Leute aber auch eher so mit 40 oder 50 km/h fahren, würde ich da auch für ein neues Auto nicht angefahren werden wollen. Somit bleibt also nur auf die gefühlten Regeln der anderen vorbereitet zu sein.