Über die Sinnlosigkeit des A565 Ausbaus

In Bonn soll die Autobahn A565 auf insgesamt acht Streifen ausgebaut werden, sechs Fahrstreifen und zwei Standstreifen. Aktuell hat die Autobahn meist nur vier Fahrstreifen, an manchen Abschnitten schon sechs. Das Vorhaben vom Land NRW ist der Ausbau auf komplett sechs Fahrstreifen.

Auf der Autobahn ist zu Stoßzeiten immer Stau, von daher mag ein Ausbau erstmal sinnvoll erscheinen. Wenn man mehr Autos als Fahrstreifen hat, dann können mehr Fahrstreifen das Problem doch lindern? So einfach ist das aber nicht. Bonn ist eine Pendlerstadt. Schaut man in den Pendleratlas, so findet man für 2019, dass 141.436 Einpendler und 59.406 Auspendler hatte. Das bedeutet, dass jeden Morgen ganz viele Leute nach Bonn hineinfahren und andere wieder herum rausfahren. 107.758 Personen pendeln innerhalb des Bonner Stadtgebiets. Es mag noch Transitverkehr geben (der von mehr Fahrstreifen direkt profitiert), es gibt allerdings eine große Menge Pendler.

Die Ströme der Pendler kann man sich in einer Interaktiven Karte anschauen. Dort sieht man für Bonn sehr schön, dass morgens die Reuterstraße komplett verstopft ist. Viele Leute fahren nach Hochkreuz, wo sich Bürogebäude befinden. Die Pendler fahren also in Poppelsdorf von der A565 ab und dann über Reuterstraße und B9. Ebenfalls überlastet ist der Wittelsbacherring, Viktoriabrücke und Hochstadenring. Ähnlich sieht es auf der Kölnstraße aus. Die ganzen Straßen, die von der Autobahn zu den Büros führen, sind komplett überlastet.

Wenn jetzt aber die ganzen Straßen von der aktuellen Autobahn schon mit so vielen Autos versorgt werden, dass die Straßen verstopft sind, wie soll eine breitere Autobahn dann helfen? Es staut sich auf der Autobahn, weil die Autos die Stadt verstopfen, nicht weil die Autobahn zu wenig Kapazität hat. Es ist, als würde man gegen zu lange Schlangen an einer öffentlichen Toilette die Anzahl der Toiletten erhöhen, aber keine zusätzlichen Waschbecken bauen. Die Leute stauen sich dann eben am Waschbecken, und niemand ist schneller fertig. Im Gegenteil, die Leute stehen sich innerhalb der Sanitäranlagen noch mehr im Weg.

Konsequent wäre es, wenn man auch alle anderen Fahrbahnen in der Stadt mit mehr Fahrstreifen ausstatten würde. So müsste man die vier Fahrstreifen an der Reuterstraße durch sechs oder gar acht erweitern. Die B9 bräuchte ebenfalls zusätzliche Fahrstreifen. Jedoch ist dort kein weiterer Platz, außer man würde den Gehweg zurückbauen. Alternativ könnte man ganze Häuserreihen abreißen und durch mehr Fahrbahn ersetzen. Somit würde dem aktuellen Bedarf genug Angebot entgegengestellt.

Der Bedarf richtet sich beim Autoverkehr aber leider nach dem Angebot. Wenn die Verbindung mit dem Auto schneller ist als mit dem ÖPNV, so nehmen mehr Leute das Auto. Wird das Straßennetz weiter ausgebaut, werden mehr Leute ermuntert das Auto zu nehmen. Der Autoverkehr wird wachsen, und wenn man es zum Ende denkt, müssten alle Straßen genug Autos aufnehmen können, dass jede Wegstrecke mit dem Auto zurückgelegt wird. Wie eine Stadt dann aussieht, konnte ich meinem Jahr in den USA erleben, als ich in Festus, Missouri gewesen bin. Das verlinkte Satellitenbild gibt einen guten Eindruck, wie eine wirklich autogerechte Stadt aussieht.

Die Zeit, die Leute im Auto verbringen, wird durch diese Maßnahmen aber auch nicht weniger. Das tägliche Reisebudget ist seit Jahrzehnten konstant. Wird ein Streckenabschnitt schneller befahrbar, so ziehen die Leute noch weiter nach draußen. Zudem werden so viele Leute das flächenfressende Auto nutzen, solange es attraktiver als der ÖPNV ist. Dadurch wird effektiv die Reisezeit im Auto durch die Reisezeit mit dem ÖPNV bestimmt. Zudem können zusätzliche Verbindungen die Bestehenden langsamer machen.

Baut man die Autobahn in Bonn also aus, so schafft man keinen Mehrwert für die Auto-Pendler, weil sie genauso im Stau stehen werden, wie vorher. Es könnte sogar noch schlimmer werden, weil noch mehr Pendler es mit dem Auto versuchen werden. Für die Anwohner an der Autobahn wird es aber deutlich schlechter, sie bekommen noch mehr Fahrspuren vor die Nase gesetzt. Für die Abwasseranlage muss ein Park zerstört werden. Und ein Radschnellweg ist bei dem ganzen Irrsinn auch nicht drin.

Der Ausbau der Autobahn wird nichts bringen aber mehr Probleme schaffen. Dazu gibt es auch ein eingängiges Bild. Wenn wir die Autobahn verbreitern, wird das Einsortieren in die Stadt nur noch schlimmer. Die Lösung sind weniger Autos. Das passt auch viel besser in unsere aktuelle Zeit.

»Aber wie sollen die Pendler denn sonst zur Arbeit kommen«, kommt natürlich als nächstes. Wie wäre es denn mit dem Fahrrad? Oh, es gibt keinen Radschnellweg von Geislar nach Endenich. Und der ist auch nicht eingeplant. Auch sonst sieht es ziemlich dürftig mit Radpendlerrouten in Bonn aus. Der ADFC hat jetzt einige erstellt, aber die Stadt hat sich bisher nicht wirklich um die Umsetzung bemüht. Die Bahn könnte man auch nehmen. Allerdings ist die Bahnstrecke zwischen Bonn und Köln mit nur zwei Gleisen sehr schmal, komplett überlastet und es gibt gar nicht so viele Züge. Rechtsrheinisch sieht es etwas besser aus, dort kommt man gut nach Köln und mit der Straßenbahn 66 auch nach Bonn rein. Hier könnte man auch massiv investieren, allerdings wird das Geld lieber in das ineffizienteste Verkehrsmittel von allen gesteckt: das Auto. Busse stecken im gleichen Stau fest, der durch die Pendler verursacht wird. Dadurch braucht man mit dem Bus immer länger als mit dem Auto. Einige Städte haben auch schon die Preise erhöht, weil sie wegen dem Stau mehr Busse einsetzen müssen. Eine Ironie sondergleichen.

Und warum gibt es überhaupt so viele Pendler? Es gibt einfach zu wenig bezahlbaren Wohnraum in Bonn. Dadurch ziehen Leute nach draußen, sparen an Miete oder Kaufpreis, bezahlen dann aber in Mobilitätskosten und Lebenszeit für das Pendeln. Auch hier kann man ansetzen und systematisch mehr Wohnraum schaffen. Wo soll der Platz herkommen? Aktuell müssen an Zielorten Parkplätze vorgehalten werden, die mit 13 m² auch noch wirklich viel Platz fressen. In eine Wohnung mit 80 m² passen keine sieben Autos rein. Der Flächenfraß durch stehende Autos ist sogar so groß, dass man im Computerspiel SimCity sie komplett ausgeblendet hat: »[…] we were originally just going to model real cities, but we quickly realized there were way too many parking lots in the real world and that our game was going to be really boring if it was proportional in terms of parking lots.« Parkraum in Wohnraum umwandeln könnte mehr Menschen ein Zuhause näher am Arbeitsort bieten, die Wege verkürzen, das Fahrrad attraktiver machen und so zu einer spürbaren Entlastung führen.

Das ist eine Veränderung, die ziemlich lange braucht. Andererseits wurde seit Jahrzenten mit Instrumenten wie einer Pendlerpauschale, privatisierung von städtischen Wohnungen, Aufbau von Straßen und Abbau von Schienen genau dieser Zustand hergestellt, den wir aktuell haben. Es wird genauso lange dauern, bis der Trend umgekehrt werden kann. Und irgendwann muss man anfangen, auch wenn es erstmal schmerzt.