Fetischobjekt Auto
Ein Auto ist ein Transportmittel, eigentlich. Inzwischen ist es allerdings Statussymbol, Identitätsstifter. Bei manchen Personen scheint es sogar ein Fetischobjekt zu sein.
Der Wiener Verkehrsprofessor Hermann Knoflacher beschreibt in seinem Buch Virus Auto1 das Auto als Virus, das im Kopf der Menschen andockt. Dort bringt es die Menschen dazu, noch mehr Autos zu bauen und das natürliche Habitat der Menschen gegen ebenjene Interessen zu einem Habitat des Autos umzubauen. Menschen fühlen sich eigentlich in abwechslungsreichen Umgebungen mit vielen Bäumen wohl, das Auto braucht aber möglichst gradlinige und triste Asphaltschneisen. Dass der Mensch seine eigenen Interessen unter denen des Autos platziert, erscheint ihm widersinnig.
Er erklärt auch, dass er grundsätzlich nichts gegen Autos hat. Er bezeichnet sie als Mobilitätsprothesen und räumt ihnen wichtige Aufgaben ein. Allerdings geht es dabei um den Transport schwerer und sperriger Dinge, das Erreichen abgelegener Orte. Brötchenholen oder zur Arbeit pendeln scheint allerdings nicht dazuzugehören.
Selbst wenn man diese Dinge tun möchte, würde ja rational betrachtet ein Kleinwagen reichen. Und es gibt auch keinen Grund, warum Autos aggressiv wirken müssen. Ein hübsches oder süßes Auto bringt einen genauso ans Ziel. Ich verstehe ja noch Fahrkomfort, Radstand und Geräuschdämmung. Aber immer größere Kühlergrille verstehe ich wirklich nicht.
Da muss also noch mehr hinter sein. Und wenn man sich Autowerbung einmal anschaut, verkaufen sie ja gar nicht mehr die tägliche Mobilität, es wird ein Gefühl verkauft. In der Werbung werden aggressiv aussehende Autos in komplett leeren Städten gefahren. Manchmal ist im Text der Musik auch noch ein subtiler Aufruf etwas verbotenes zu tun. Man soll also einen übermotorisierten Sportwagen kaufen um damit dann zu schnell zu fahren, riskant zu überholen und weitere Dinge zu tun.
Mit Mobilität ist das nicht zu erklären. Aber im öffentlichen Raum sollen nun Bedürfnisse befriedigt werden, die an anderer Stelle zu kurz kommen. Das könnte das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit (gesehen werden), nach Aufregung/Anregung sein. Und in anderen Disziplinen muss man sich das erst erarbeiten, mit dem Auto kann man es scheinbar einfach kaufen.
Dem Auto werden dann positive Eigenschaften zugesprochen, die es als lebloses Objekt gar nicht hat. Das erinnert an den religiösen Fetischismus:
Fetischismus […] bezeichnet im religiösen Sinn den Glauben an übernatürliche persönliche Geister oder unpersönliche Mächte, die in bestimmten Gegenständen wohnen, und deren Verehrung als heilige Objekte. — Wikipedia
Interessant ist auch, dass Karl Marx den religiösen Fetischismus auch auf Waren übertragen hat:
Als Warenfetisch (auch Warenfetischismus) bezeichnet Karl Marx (1818–1883) in seinem Hauptwerk Das Kapital (1867) das seiner Analyse nach quasireligiöse dingliche Verhältnis zu Produkten, die Menschen in arbeitsteiliger Produktion bzw. gesellschaftlicher Arbeit füreinander herstellen. — Wikipedia
Das beschreibt das Wechselspiel der Gesellschaft und der Autoindustrie ganz gut. Wenn man sich die Äußerungen diverser konservativer und rechter Politiker:innen zum Thema Autoantriebe anschaut, hat das ja wirklich religiöse Züge. Deutschland braucht angeblich Autos, die Benzin verbrennen. Wäre man aufrichtig technologieoffen, so wäre der Elektroantrieb offensichtlich technisch überlegen: höherer Wirkungsgrad, weniger Komplexität, sanfteres Fahrgefühl ohne Schalten, Laden mit Strom vom eigenen Dach. Gut, dann müssten ganze Zuliefererbetriebe schließen oder sich etwas anderes suchen. Bei den »Schlecker-Frauen« war das Finden einer »Anschlussverwendung« kein Thema in der Politik, aber das war eben nicht Autoindustrie.
Hier ist wieder das Netzwerk der Männer, die die Welt verbrennen2 aktiv. Es geht gar nicht um die Mobilität, es geht um die fossile Industrie.
Aber zurück zum Fetisch. Sigmund Freud hat den Fetischbegriff auf die Sexualität übertragen. Dort ist es die Sexualisierung von an sich nicht-sexuellen Dingen:
Sexueller Fetischismus ist die übersteigerte Zuneigung zu einzelnen Körperteilen, Körpereigenheiten, Kleidungsstücken, Utensilien, Materialien oder Situationen, bei der ein Gegenstand, der sogenannte Fetisch, als Stimulus der sexuellen Erregung und Befriedigung dient. — Wikipedia
Passt das auch auf das Auto? Mit etwas Humor bestimmt schon. Klassische Fetischmaterialien sind ja Lack, Leder, Latex. Und all das kann man bei einem Auto finden! Lack an der Karosserie, Leder auf den Sitzen, Latex (Gummi) an den Reifen. Und wenn man sich anschaut, wie penibel manche mit dem Autolack umgehen, scheint das mehr als nur eine Schutzschicht über der Karosserie zu sein.
Auch das Thema Dominanz finde ich auf der Autobahn immer wieder. Da fahre ich mit meinem Kleinwagen 120 km/h (nach GPS) auf einer belgischen Autobahn, auf der ja maximal 120 km/h erlaubt sind. Ich fahre auf dem linken von zwei Fahrstreifen, rechts sind LKWs mit 90 km/h. Vor mir sind andere Autos, ich kann also nicht schneller fahren. Hinter mir war dann ein Typ mit einem aggressiv wirkenden BMW, der mich mit Fernlicht anblitzte. Der wollte wohl, dass ich abbremse und mit 90 km/h hinter einen der LKWs verschwinde. Ne, warum sollte ich das tun. Der würde eh nur eine Autolänge gewinnen, was soll das?
Mit Ankommen hat das nichts zu tun, das ist reines Dominanzgehabe. Unter Primaten ist es sehr wichtig eine Hierarchie zu haben und zu wissen, wo man in dieser steht. Und jener Autofahrer wollte wohl seine Dominanz auf der Autobahn gegenüber einem Kleinwagenfahrer demonstrieren. Vielleicht nahm der BMW-Fahrer auch an, der Kleinwagen würde von einer Frau gefahren. Dann käme noch Misogynie dazu und wir wären bei Männern, die Frauen hassen3. Es gibt viele Männer, die Frauen nicht ernst nehmen wollen, siehe The Authority Gap4. Das ist auf der Arbeit so, warum sollte es auf der Autobahn anders sein.
Die Autos von BMW und Audi, auch manche von Mercedes, wirken durch ihre aggressive Front potentiell dominant. Bei der letzten Autofahrt kam mir der Begriff »Autobahn-Dominator« in den Sinn. Da rollt dann ein Fetischobjekt in Lack, Leder und Gummi an. Das Fernlicht wird genutzt wie eine Peitsche. Und die klare Botschaft ist, dass man sich dem stärkeren Auto unterwerfen und seine Weisungen befolgen soll.
Dominanz sollte aber immer mit Verantwortung kommen. Wenn man auf der Autobahn ganz links und ganz schnell fahren möchte, muss man Verantwortung für sein Fahrzeug übernehmen und auch sicherstellen, dass man andere Leute nicht gefährdet. Aber so, wie der Freiheitsbegriff meist einseitig egoistisch genutzt wird, ist das hier auch so. Dabei findet man in § 1 StVO doch die klare Maßgabe, Verantwortung zu übernehmen:
- Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.
- Wer am Verkehr teilnimmt hat sich so zu verhalten, dass kein Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.
Da dieser Paragraph offensichtlich nicht verstanden wird, muss man für die Fahrer von Autobahn-Dominatoren in der Sprache der Sexualität ausdrücken? Dort wäre es dann Safe, Sane, Consensual (sicher, vernünftig, einvernehmlich). Und vorausfahrenden Autos dicht aufzufahren und mit Lichthupe wegzudrängeln ist weder sicher, vernünftig und schon gar nicht einvernehmlich.
Ich würde es jedenfalls sehr begrüßen, wenn im Straßenverkehr deutlich abgerüstet werden würde. Die Autos wieder süßer aussehen würden und nicht diese aggressiven Macho-Karren rumfahren würden. Mit der aktuellen politischen Stimmung und dem Plan der EU, alle US-Autos hier auch zuzulassen, wird das wohl eher noch schlimmer werden.
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Knoflacher, Hermann. Virus Auto: Die Geschichte einer Zerstörung. 2009. ↩
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Stöcker, Christian. Männer, die die Welt verbrennen: Der entscheidende Kampf um die Zukunft der Menschheit. Ullstein, 2024. ↩
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Bates, Laura. Men Who Hate Women: From Incels to Pickup Artists, the Truth About Extreme Misogyny and How It Affects Us All. Simon and Schuster, 2020. ↩
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Sieghart, Mary Ann. The Authority Gap: Why Women Are Still Taken Less Seriously than Men, and What We Can Do About It. W. W. Norton & Company, 2022. ↩