Fahrradexperiment Kaiserstraße

Die Kaiserstraße ist auch noch eines dieser Fahrrad-Experimente in Bonn. Dort war früher einfach eine ganz normale zweispurige Straße.

Karte: Open Street Map

Auf der Bahn-Seite gab es einen benutzungspflichtigen Radweg für beide Richtungen. Irgendwann wurde die Benutzungspflicht stadteinwärts (also Richtung Nord-Ost) aufgehoben. Generell kann die für die Gegenrichtung nur angeordnet werden, wenn besondere Gefahr besteht. Die ist hier aber nicht gegeben. Stadteinwärts konnten Radfahrer also schon seit längerem auf der Fahrbahn fahren. Das hat einige Polizisten laut Kommentaren im Rad-Dialog nicht davon abgehalten hier zu kontrollieren.

Im Rad-Dialog Ende 2017 wurde vorgeschlagen aus der Kaiserstraße eine Fahrradstraße zu machen. Es gäbe ja parallel die B 9, vierspurig und für den Autoverkehr wunderbar geeignet. Seitens der Moderation/Stadtverwaltung wurde ein Gutachten von 2012 zitiert, nach dem der Radverkehr noch nicht die Mehrheit ist und in der Zukunft wohl auch nicht werden wird. Daher wurde empfohlen keine Fahrradstraße einzurichten.

Ein paar Jahre später kam die Idee nochmal auf, als der City-Ring gekappt worden ist (General-Anzeiger Bonn). Perverserweise hat sich sich der ADFC dann aber gegen eine Fahrradstraße ausgesprochen. Das mag zuerst schockierend klingen, aber man muss sich die anderen »Fahrradstraßen« in Bonn einmal anschauen (siehe Artikel zu Bonner Fahrradstraßen), dann versteht man das. Eine Fahrradstraße wäre auch hier wieder »KFZ frei« deklariert worden, sodass sich effektiv nichts zum aktuellen Zustand ändern würde. Vielmehr wäre der bisherige Radweg eventuell sogar als KFZ-Parkplätze ausgewiesen worden. Daher gab es dann eine andere Idee: Eine Umweltspur stadteinwärts, auf der nur Busse und Fahrräder fahren dürfen. Stadtauswärts weiter wie gehabt, eine ganz normale Fahrspur.

Die Idee klang ganz gut. So können stadtauswärts die Radfahrer den baulich getrennten Radweg auf dem Hochboard nutzen. Stadteinwärts fahren sie dann auf der Umweltspur. Kraftfahrer, die sich durch die Kappung des City-Rings irgendwie verfahren haben, können so wieder aus der Stadt raus. Stadteinwärts gibt es die B 9, das sollte nun wirklich genügen.

Aber so einfach war das natürlich nicht. Nachdem der Rat das so beschlossen hatte, hat der OB Sridharan vorgeschlagen die Richtung der Umweltspur noch umzudrehen (General-Anzeiger Bonn). Radfahrer fahren also stadtauswärts auf einer Umweltspur, stadteinwärts dann im Linksverkehr auf dem Hochboard-Radweg. Da nun aber stadteinwärts eine ganz normale Autospur zum Kaiserplatz führt, musste man sich noch irgendwas ausdenken, damit das doch nicht so gerne genutzt wird. Also erfand man die Schleife über Nassestraße, Lennéstraße und Fritz-Tillmann-Straße. Jedoch ist die Nassestraße eine Fahrradstraße! Das mutet einfach nur vollkommen hirnrissig an, und wurde von der Polizei als unzulässig erachtet (General-Anzeiger Bonn). Zumal wegen dem Busverkehr in dem einen Abschnitt der Kaiserstraße auch keine physische Barriere installiert worden ist, der MIV konnte einfach weiter geradeaus fahren, das Schild ist schnell übersehen.

Karte: Open Street Map

Kritik gab es unter anderem dafür, dass KFZ-Parkplätze wegfallen. Da ich generell kostenlosen Parkplätzen kritisch gegenüberstehe, finde ich das nicht wirklich schlimm. Natürlich schreien die Leute da auf, wenn sie sich dran gewöhnt haben, aber ein Recht auf einen kostenlosen (oder mit 30 EUR/Jahr Anwohnerparken frech günstigen) Parkplatz sehe ich nicht. Das andere ist, dass die Kaiserstraße als »Bypass« zur B 9 dienen soll. Nur um das nochmal deutlich zu sagen: Weil zwei Spuren nicht ausreichen, muss also mit der Kaiserstraße noch eine dritte Spur für den MIV bereit stehen. Dass Radfahrer eine sinnvolle Verbindung zwischen Innenstadt und Museumsmeile haben, ist dem also untergeordnet. Kann man machen, aber gleichzeitig »Fahrradhauptstadt 2020« anstreben und Klimanotstand ausrufen ist dann lächerlich.

Ich möchte hier einmal den aktuellen Stand zeigen. Es wäre wirklich belustigend, wenn es nicht so traurig wäre.

Stadteinwärts

Wir fangen etwas südlich der Reuterbrücke an. Dort ist aktuell die Baustelle für den Neuen Kanzlerplatz. Dort soll man als Radfahrer erstmal ausweichen, das ist kein Problem. Die Einfahrt ist für den MIV versperrt, aber das gilt nur hier an der Baustelle.

Als nächstes beginnt dann unter der Reuterbrücke die Kaiserstraße. Ganz auf der linken Seite sollen die Radfahrer auf dem Hochboard fahren, auf der rechten Fahrspur ist keine Einschränkung, hier kann also der MIV fahren.

Man muss sich das Schild auf der linken Seite auf der Zunge zergehen lassen. Es ist das Ende einer Tempo-30-Zone, darunter »Fahrrad frei«. Das untere ist ein Zusatzzeichen, es bezieht sich also auf das darüber. Aber was soll das bitte bedeuten? Für die Radfahrer endet die Tempo-30-Zone noch nicht? Ich halte die Kombination so für falsch. Normalerweise ist dieses Schild unter einem Zeichen für einen Gehweg angebracht. Aber das Schild für den Gehweg fehlt hier.

Wenn die Zeichen unabhängig voneinander sind, dann sollen sie mit einem Abstand zueinander angebraucht werden. Danke an asltf für den Hinweis auf die Verwaltungsvorschriften der StVO (VwV-StVO):

Besteht bei Verkehrszeichen an einem Pfosten kein unmittelbarer Bezug, ist dies durch einen Abstand von etwa 10 cm zu verdeutlichen. — VwV-StVO LfdNr. 45 zu §§39 bis 43

Ein bisschen später kommt immerhin die Kombination der Schilder, wie ich sie erwarten würde. Gehweg, darunter »Fahrrad frei«. Der Witz ist nämlich, dass das Hochboard auf der linken Seite nicht als Radweg ausgewiesen werden kann, dann wäre er nämlich benutzungspflichtig. Da er auf der Gegenseite ist, darf dies nur bei besonders gefährlichen Straßen gemacht werden. Die Benutzungspflicht wurde ja schon gekippt, also deklariert man es hier nur als »Gehweg, Fahrrad frei«. Das Schild dahinter, das Verbot von Fußgängern, irritiert mich aber deutlich mehr. Also darf man jetzt doch nicht mehr auf dem Gehweg gehen?

An einer anderen Stelle ist eine Schildkombination, die das ganze Desaster offenbart. Um die Bushaltestellen ist es als Gehweg deklariert, damit die Fußgänger auch zur Bushaltestelle kommen können. Danach ist es dann aber kein Gehweg mehr, trotzdem »Fahrrad frei«. Es ist also etwas ganz merkwürdiges: Ein nicht-benutzungspflichtiger, baulich getrennter Weg, auf den Radfahrer nutzen dürfen, es aber nicht müssen, und Fußgänger verboten sind. Man wollte anscheinend den Radfahrern den Weg exklusiv geben, konnte sie aber aufgrund des bizarren Linksverkehrs und mangelnder Gefährdung nicht dazu zwingen dort zu fahren.

Ich habe angenommen, dass ein Zusatzzeichen »Fahrrad frei« nicht einzeln stehen darf. Auch hier nochmal Dank an asltf für den Hinweis auf die VwV-StVO:

Auf baulich angelegten Radwegen kann nach sorgfältiger Prüfung die Benutzungspflicht auch für den Radverkehr in Gegenrichtung mit Zeichen 237 [Radweg], 240 [Gemeinsamer Geh- und Radweg] oder 241 [Getrennter Geh- und Radweg] oder ein Benutzungsrecht durch das Zusatzzeichen „Radverkehr frei" (1022-10) angeordnet werden. — VwV-StVO LfdNr. 34 zu §2

Diese Konstruktion ist also erlaubt, auch wenn sie wie ein Winkelzug anmutet.

Man hat effektiv zwei Wege geschaffen, auf denen Radfahrer stadteinwärts fahren können, und beide Optionen sind nur so halbgar. Ich fahre dort dann einfach auf der Straße. So habe ich keine Probleme mit diesem Linksverkehr. Und wenn mich ein Autofahrer anhupt, oder »Raaaadweeeg!« schreit, dann zeige ich einfach nach rechts und brülle »Bundesstraaaaaße!« zurück. Durch die vielen Falschparker (zweite Reihe oder Halteverbot) muss man hier in die linke Fahrspur ausweichen, auch nicht gerade optimal.

Weil Radfahrer auf der Fahrbahn immer wieder knapp von Bussen überholt worden sind, wurde ein Überholverbot eingerichtet (General-Anzeiger Bonn).

Stadtauswärts

In die andere Richtung hat man dann die Umweltspur. Die beginnt am Kaiserplatz so mit entsprechenden Schildern. Das Hochboard ist exklusiver Gehweg, Radfahrer haben in diese Richtung nichts darauf verloren. Wie man in dem Foto aber sehen kann, fahren viele Radfahrer ganz natürlich auf dem Hochboard stadtauswärts. Es ist auch sehr naheliegend, und historisch war das ja auch der Radweg. Der Belag des Weges ist unterteilt, es suggeriert also ganz stark: Radweg links, Gehweg rechts. Der Belag hat aber nichts zu sagen, einzig das Schild. Die Radfahrer wissen aber nicht so richtig, dass sie auf der Fahrbahn fahren müssen. Auf der Fahrbahn sind auch schon wieder Markierungen weggefräst worden, ich bin gerade nicht sicher, was dort vorher war.

Um die Ecke herum stehen dann auch Autos auf dem Gehweg. Das ist so gewollt, das ist Anwohnerparken an der Stelle. Es erscheint bizarr, denn so bleibt ja nur der »gefühlte Radweg« übrig. Da es aber alles nur ein Gehweg ist, ist das okay. Und einzig die Radfahrer stadteinwärts sind hier auf diesem Abschnitt geduldet. Wollen sie schneller fahren, müssen sie auf der Fahrbahn fahren.

Fazit

Das Fahrradexperiment in der Kaiserstraße ist ziemlich furchtbar gelaufen. Durch die Änderungen durch den OB wurde der Hochboard-Radweg zu Linksverkehr, was dann zu diesen bizarren Regelungen geführt hat. Da der City-Ring jetzt wieder vervollständigt wurde, die Markierungen abgefräst worden sind und die Schleife über die Nassestraße entfällt, scheint wohl eine Rückkehr des MIV geplant zu sein. Ich bin gespannt, welches Chaos in dieser Straße als nächstes kommt.