Erkältung heilen mit Bargeld?

Die Diskussion um die Abschaffung der Lohnfortzahlung am ersten Krankheitstag verkennt die biologische Realität von Infektionen. Statt echter Gesundheitsförderung schafft ein solcher finanzieller Druck lediglich Anreize für Präsentismus, was die Gesamtproduktivität durch Ansteckungen und Fehlentscheidungen mindert. Zudem entzieht dieser Schritt den Arbeitgeber:innen die Motivation, proaktiv in die Gesundheit ihrer Belegschaft zu investieren, und entpuppt sich letztlich als politisches Instrument zur Schwächung von Arbeitnehmerrechten.

Trotz fortgeschrittener Medizin kann eine normale Erkältung bisher nicht geheilt werden. Dennoch gibt es Stimmen in der Politik, die glauben, dieses biologische Problem über Marktmechanismen regeln zu können. Die Grundannahme: Wenn es teuer genug ist, krank zu sein, werden die Leute einfach gesund bleiben.

Anreiz oder Unterstellung?

Friedrich Merz formulierte es im Januar 2026 so:

»Können wir uns einmal darüber unterhalten, wie wir die besseren Anreize setzen, zur Beschäftigung und nicht arbeits… nicht arbeiten zu gehen, krank zu sein?« — Friedrich Merz, 17.01.2026

Hinter dem Begriff »Anreiz« verbirgt sich hier eine handfeste Unterstellung: Wer krankgeschrieben ist, schwänzt womöglich nur. Natürlich sieht unser Sozialsystem kein »Blaumachen« vor, doch Merz scheint den medizinischen Zustand des Krankseins mit dem formalen Akt der Krankschreibung gleichzusetzen. Viren lassen sich jedoch nicht durch finanzielle Anreize wegdiskutieren.

Die Ökonomie des Präsentismus

Fällt die Lohnfortzahlung am ersten Tag weg, erhält die Krankheit ein Preisschild. in einziger Fehltag kostet etwa 5 % des Monatsnettos – ein Betrag, der besonders Geringverdiener:innen hart trifft.

Die Folge ist kein Rückgang der Infektionen, sondern Präsentismus: Mitarbeiter:innen schleppen sich krank zur Arbeit. Das ist ökonomischer Irrsinn. Wer krank arbeitet, ist weniger produktiv, macht Fehler und steckt Kolleg:innen an. Ein fehlerhafter Code oder eine falsch bediente Maschine können in Minuten Schäden anrichten, deren Behebung Tage dauert.

Hier greift Goodharts Gesetz: »Wenn eine Messgröße zum Ziel wird, ist sie keine gute Messgröße mehr.« Sinkende Krankenstände wären in diesem System kein Indikator für eine gesündere Bevölkerung, sondern lediglich für eine höhere Schmerzgrenze aus nackter finanzieller Not.

Verschlechterung der Prävention

Ein oft übersehener Punkt ist die Lenkungswirkung für Arbeitgeber:innen. Aktuell haben Firmen einen starken finanziellen Anreiz, ihre Belegschaft gesund zu halten, da sie die Kosten für Ausfälle direkt tragen. Das Ergebnis sind kostenlose Corona-Tests, Luftfilter, Grippeimpfungen im Betrieb, ergonomische Arbeitsplätze oder Obstkörbe.

Wird das finanzielle Risiko auf die Arbeitnehmer:innen abgewälzt, verschwindet dieser Anreiz für die Unternehmen. Warum in Luftfilter investieren, wenn der Infektionsausfall das Problem der Angestellten ist? Zwar könnte man argumentieren, dass Arbeitnehmer:innen nun einen höheren Eigenanreiz für Sport und gesunde Ernährung hätten – doch diese individuellen Maßnahmen können das Infektionsrisiko in einem ungeschützten Arbeitsumfeld kaum kompensieren.

Selbstständige kennen diesen Druck bereits. Sie müssen das Risiko über höhere Stundensätze abfangen. Bei Angestellten würde die Abschaffung der Lohnfortzahlung jedoch faktisch als Lohnkürzung ohne Ausgleich umgesetzt werden.

Fazit

Am Ende geht es in dieser Debatte weniger um die Volksgesundheit oder die Effizienz des Marktes als vielmehr um die Aushöhlung von Arbeitnehmerrechten. Nachdem das Bürgergeld bereits verschärft wurde, sind nun die Beschäftigten an der Reihe. Das Ziel scheint ein Klima der Angst vor dem sozialen Abstieg zu sein, in dem man lieber krank zur Arbeit erscheint, als seine Miete zu riskieren. »Zuckerbrot ist gerade alle« – für die aktuelle Legislaturperiode bleibt wohl nur die Peitsche.