Manche Hobbies sind laut und gehen anderen Leuten auf die Nerven. Trotzdem ist das normal.

Früher bin ich auch mit dem Motorrad gefahren. Es hat einfach Spaß gemacht am Ortsausgang in den zweiten Gang herunterzuschalten und am Gasgriff zu drehen. Diese Kraft, die man da entfesselt, das ist so krass wie der Start eines Flugzeugs. Man spürt die Beschleunigung, die Freiheit, es ist einfach geil.

Der Motorlärm gehört dazu, das rundet das Gefühl ab. Der hochdrehende Motor produziert ein immer höherfrequentes und lauteres Geräusch, man hört die Steigerung. Dann schaltet man in den nächsten Gang und es geht weiter. Zumindest wollte ich das, aber den zweiten Gang meines Motorrades konnte ich bis über 100 km/h ausdrehen, sodass ich auf Landstraßen dann eher in den fünften Gang geschaltet habe und es gutsein lies.

Das Spiel habe ich bei jedem kleinen Dorf wiederholt. Die Durchfahrten durch die Dörfer waren öde, aber man wurde mit der Beschleunigung am Ortsausgang belohnt. Und wieder runterschalten und Vollgas!

Irgendwann meldete sich mein Gewissen. Es gab auch andere egoistische Gründe, warum mir Motorradfahren nicht mehr so viel Spaß machte. Als vorsichtiger Mensch trug ich eine schwere Lederkombi mit Protektoren. Da wog allerdings die Jacke alleine schon 5 kg. Das ist im Sommer schnell zu warm. Auf dem Motorrad trinken geht auch nicht. Bis zu den interessanten Straßen in der Eifel hat man eine lange Anfahrt. Das war schon angezählt.

Aber mein Gewissen meldete sich mit Mitleid gegenüber den Anwohner*innen in diesen Dörfern. Bei jedem Tag mit gutem Wetter kommen Horden von Motorradfahrern und terrorisierten die Anwohner mit ihren Maschinen. Fast jeder gibt am Ortsausgang Vollgas, ist doch das Beschleunigen der Reiz des Motorradfahrens. Jetzt, wo ich an einer Durchgangsstraße wohne, geht mir das nur noch auf den Geist. Über mir fliegen Sportflugzeuge ihre Runden.

Ich habe das Motorrad verkauft, die Motorradkleidung abgestoßen. Den Führerschein habe ich natürlich noch, aber genutzt habe ich den schon länger nicht mehr. Seitdem fahre ich mit dem Fahrrad durch den Wald und fühle mich damit aus vielen Gründen wohler.

Meine Hobbies haben aber alle ein Muster: Sie stören andere Leute nicht. Wenn ich Computerspiele, stört das niemanden. Ich habe den Ton nicht riesig laut. Zeichnen stört auch niemanden, so laut kratzen die Bleistifte nicht über das Papier. Lesen macht überhaupt keine Geräusche. Radfahren mag Fußgänger*innen etwas stören, hier versuche ich allerdings immer rücksichtsvoll zu sein. Bei Leuten mit schlecht erzogenen Hunden ist die Störung wohl beiderseits. Mein Engagement für die Verkehrswende nervt bestimmt die Leute in der Verwaltung, aber das ist deren Job. Frühere Hobbies wie Bouldern in der Halle, Kampfsport oder Joggen würde ich auch nicht als störend bezeichnen.

Nun gibt es aber viele Hobbies, die mich ziemlich nerven. Und meist haben diese Hobbies gemein, dass eine einzelne Person Spaß hat und hunderte genervt sind. Motorradfahrer haben Spaß, verlärmen aber sämtliche Straßen, durch die sie fahren. Insbesondere weil moderne Motorräder immer lauter werden, kann man mit denen auch nicht mehr leise fahren. Hier in der Nachbarschaft hat einer so ein Teil, mit dem er morgens um 6 Uhr zur Arbeit fährt. Ich bräuchte keinen Wecker.

Die Piloten mit den Flugzeugen kreisen hier ihre Runden. Gut, einige sind wohl Berufspiloten und brauchen die Übung. Aber viele sind wohl reine Hobbypiloten. Die Maschinen kommen hier im Minutentakt durch. In jeder Maschine hat eine Person ihren Spaß, hunderte Häuser werden überflogen, tausende Menschen müssen den Lärm ertragen.

Lärm machen, das ist wie in das Schwimmbecken pinkeln. An sich ist es nicht so schlimm, irgendwie verläuft sich das. Die anderen machen es ja auch. Aber weil es eben alle machen, ist alles voller Lärm. Viele Leute mögen eine gewisse Toleranz gegenüber Lärm haben, ich weniger. Und Lärm, den man selbst macht, nimmt man auch nicht als Lärm wahr. So sagte mal ein niederländischer Motorradfahrer in der Eifel: »Für andere mag das Lärm sein, für mich ist das Musik.« Und damit war für ihn das Thema erledigt. Für ihn ist es Musik, und das ist das wichtige.

Vielleicht kommen wir irgendwann dahin, dass Lärm als Einschränkung der Freiheit der anderen angesehen wird. Bis dahin mag ich nicht so recht auf dem Balkon sitzen, der Lärm der Flugzeuge und Motorräder ist für mich eben keine Musik.