Mich habe inspirierende Sprüche wie »Impossible is Nothing« ziemlich geprägt und Dinge in die Hand zu nehmen. Aber angesichts von unlösbaren Herausforderungen erzeugen sie einen ungesunden Druck.
In vielen Ratgebern und Selbsthilfe-Seiten, sowie auch in Verhaltenstherapie, findet man immer wieder den Aufruf, für sein Handeln Verantwortung zu übernehmen. Zum Beispiel mit so einem Lehrsatz:
Wenn du keine Verantwortung für dein Leben übernimmst, machst du dich zum Opfer und Spielball der Umstände und anderer Menschen. — psychotipps.com
Im Artikel wird das dann noch weiter ausgeführt. Wenn man die Verantwortung immer nur von sich weist, kann man nicht gestalten. Nimmt man aber die Verantwortung an sich, so kann man gestalten.
Es wird auch häufig versprochen, dass wenn man nur die Kontrolle übernimmt, es keine Grenzen mehr gibt:
Nur, wenn du Selbstverantwortung übernimmst, kannst du dein Leben genau nach deinen Vorstellungen gestalten. — glueckskompetenz.at
Adidas hatte das auch mit dem »Impossible is Nothing«: Wenn man vor einer (sportlichen) Hausforderung steht, die unmöglich erscheint, dann könne man das trotzdem schaffen. Man muss es nur wollen.
Wir haben hier also die Implikation: Wenn man Verantwortung übernimmt, so wird man glücklich. Aus jeder Implikation lässt sich eine weitere Implikation ableiten, aus »aus A folgt B« folgt immer »aus nicht B folgt nicht A«. (Wenn es regnet, wird es nass. Wenn es nicht nass ist, hat es nicht geregnet.) Dreht man die Aussage »wer Verantwortung übernimmt, ist glücklich« entsprechend um, folgt daraus »wer unglücklich ist, hat keine Verantwortung übernommen«.
Formuliert man das anders, kommt man bei der ziemlich krassen Aussage raus: »An Unglück ist man komplett selbst schuld«. Ähnlich ist dann auch »wer versagt, hat sich nicht genug Mühe gegeben«.
Bei einigen Lebensbereichen sind derartige Gedanken wirklich hilfreich. Man kann beeinflussen, wie viel Fleiß man in seine Ausbildung steckt, ob man sich in der Schule anstrengt. Oder ob man ein Studium absolviert, obwohl man nebenbei jobben muss um es zu finanzieren. Eine Beziehung beendet, weil sie einem nicht mehr gut tut, obwohl man schon viele Jahre zusammen war. Oder man auf der Arbeit ein großes Projekt übernimmt, auch wenn es mehr Energie kostet als das Tagesgeschäft. In diesen Bereichen ergibt es Sinn Verantwortung zu übernehmen und so das eigene Leben zu gestalten.
In all diesen Dingen mag es bequem erscheinen, externe Faktoren für verantwortlich zu klären. Man hat etwas so deprimierendes in den Nachrichten gesehen, man könne jetzt nichts im eigenen Leben unternehmen. Auf der Arbeit ist die vorgesetzte Person immer so fies und gibt einem nie die richtigen Projekte. Die Straßenlaterne hat einen beim Einparken angesprungen, nur deshalb ist jetzt ein Kratzer im Auto. Man kann keine Fachbücher lesen, die seien alle so doof geschrieben.
Besonders perfide wird es, wenn sich »weil es auf der Arbeit doof war, muss ich jetzt ein Eis essen« mit »heute regnet es, da kann ich nicht spazieren« verbindet und man irgendwann ganz unbeweglich geworden ist und der Körper auch immer weniger Bewegung zulässt. Kommt dann noch ein »erstmal eine Zigarette nach all diesem Stress« und »Probleme in Alkohol ertränken« hinzu, landet man irgendwann in einer Sackgasse ohne Wendemöglichkeit. Hier ist es schon sinnvoll zu erkennen, dass man das selbst in der Hand hat.
Nun gibt es aber Lebensbereiche, bei denen man es eben nicht in der Hand hat. Ich spüre das jetzt seit gut einem Jahr auf dem Immobilienmarkt. Wir sind ein Paar, das nach einem Haus sucht. Und wir haben ein paar schwierige Kriterien, wir brauchen zusätzliche Zimmer für das Arbeiten von Zuhause, ich hätte es gerne ruhig und wir wollen möglichst mit Fahrrad und ÖPNV auskommen. Die Wohnung in der Stadt ist zu klein, das Haus im Neubaugebiet am Stadtrand ist zu schlecht angebunden.
Der Markt sieht ziemlich düster aus. Bonn hat zum Beispiel keine nennenswerten Neubauprojekte, es wird sehr wenig neu gebaut. Und das, was neu gebaut wird, ist dann immer in sehr traurigen Lagen. In Endenich haben sie am Probsthof neue Wohnungen gebaut, und zwar in ein ehemaliges Gewerbegebiet. Da sind keine Geschäfte, es ist umringt von großen Straßen. In Vilich-Müldorf wird der Wohnpark 2 irgendwann gebaut, das wird sich aufgrund von Merowinger-Ausgrabungen wohl noch ewig verzögen. Und selbst dann, dann wohnt man zwischen Straßenbahn und Bundesstraße, leise wird das nicht. In Duisdorf gibt es Pandion-Ville, die Fünfzimmerwohnung für 900.000 EUR.
Dann gibt es alte Häuser, die nun den Generationenwechsel machen. Das Blöde ist aber, dass vornehmlich Häuser mit Baujahr um 1970 zum Verkauf stehen. Das ergibt total Sinn: Wir haben jetzt 2024, Leute die jetzt sterben, sind vielleicht 70 bis 80. Die haben ihr Haus gekauft, als sie 20 bis 30 waren, also vor 40 bis 60 Jahren. Und somit sind wir dann bei Baujahren 1964 bis 1984, Schwerpunkt aber eher in der Mitte davon. Die Siebziger sind baulich davon geprägt, dass die Ölkrise da war, die modernen Isolationsmaterialien aber noch nicht. In den Sechzigern war das Heizöl billig, man hat große Fenster und somit helle Häuser gebaut. Deutlich später hat man wieder große Fenster gebaut, moderne Häuser haben bodentiefe Fenster, was mit Dreifachverglasung kein Problem mehr ist. In den Siebzigern hat man die Häuser dann aber mit kleinen Fenstern gebaut.
Jene Häuser kann man energetisch sanieren, sie dämmen, die Fenster austauschen, die Heizung gegen eine Wärmepumpe tauschen. Die Fenster vergrößern ist aber nicht so einfach aufgrund der Statik. Mit extrem viel Geld ist das alles machbar, aber mit extrem viel Geld kann man im Zweifelsfall alles abreißen und neu bauen, die Aussage hat also wenig Gehalt. Also selbst wenn man so ein Haus saniert, bleibt es eben ein eher dunkles Haus mit kleinen Fenstern.
Die weitere Dimension ist, dass die guten Häuser vererbt werden oder im jeweiligen Bekanntenkreis weitergegeben werden. Was man auf dem Markt sieht ist nur das, was innerhalb einer Familie nicht behalten werden wollte. Ich stand schon in vielen Häusern drin und konnte gut verstehen, dass man das loswerden wollte.
Immer mal wieder gibt es Häuser von um 2000. Da sind die Kinder dann 20 bis 30 und sind ausgezogen. Die Eltern wollen sich verkleinern oder haben sich getrennt. Diese »Scheidungshäuser« sind aber selten, meist bleiben die Eltern einfach zu zweit im Einfamilienhaus wohnen, bis sie sterben oder ins Pflegeheim kommen. Da das aber erst in weiteren 30 Jahren passieren wird, sind die meisten Häuser eben aus den Siebzigern.
Es gibt einfach sehr wenige gute Häuser und sehr viele zunehmend verzweifelte Interessenten. Die Preise sind entsprechend hoch. Die hohen Zinsen verschafften den Preisen eine gewisse Pause, die jetzt fallenden Zinsen lassen die Preise wieder steigen.
Ich suche jetzt schon länger nach einem Haus und habe bisher keines gefunden, bei dem mir das Haus und die Lage gefallen hat sowie der Preis für den Zustand angemessen war. Wessen Schuld ist das jetzt? Schaut man sich die Ratgeber und Leitsätze an, sollte ich besser selbst die Verantwortung übernehmen als es auf »den Markt« zu schieben. Schließlich wäre es ja feige, den Immobilienmarkt verantwortlich zu machen. Ich muss die Verantwortung übernehmen! Dass ich bisher kein Haus gefunden habe liegt nur an meiner zu halbherzigen Suche. Wenn mir Häuser zu teuer erscheinen liegt es nur daran, dass ich noch nicht genug Geld gespart habe! Oder ich muss bei einer Sanierung eben mehr selbst machen, dann wird das auch möglich!
Aber vielleicht ist es auch einfach so, dass der Hausmarkt wirklich schlecht ist. Es ist ja nicht umsonst ständig in den Nachrichten. Wir haben ein eigenes Ministerium für Bau. Ich bilde mir nicht ein, dass es ziemlich mies ist. Und somit sind wir bei einem schönen Zitat aus Star Trek Next Generation:
It is possible to commit no mistakes and still lose. That is not weakness, that is life. ― Jean-Luc Picard
Und wenn wir uns nochmal die beiden eingangs zitierten Leitsätze anschauen, ist deren Aussage sogar subtil anders als das, was ich daraus abgeleitet habe. Sie sagen nämlich eben gerade nicht, dass man durch das Übernehmen von Verantwortung glücklich wird (hinreichende Bedingung); vielmehr stellen sie Verantwortung als notwendige Bedingung dar. Man muss Verantwortung übernehmen, um glücklich zu werden, das alleine reicht aber nicht unbedingt aus. Wenn man keine Verantwortung übernimmt, kann man nicht glücklich werden.Aus Glück lässt sich folgern, dass man Verantwortung übernommen hat. Aber aus der Abwesenheit von Glück lässt sich nichts folgern.
Somit ist es vielleicht am Ende doch unmöglich ein Haus zu finden, was zu uns passt. Auf den Hausmarkt haben wir keinen Einfluss. Das einzige, was wir steuern können sind unsere Anforderungen an ein Haus. Wir wollen uns nicht komplett verbiegen und die nächstbeste Bude nehmen. Aber wir merken auch schon, dass sich unsere Kompromissbereitschaft entwickelt. Und mehr ist auch gar nicht gemeint, wenn es um das Übernehmen von Verantwortung geht.
Nicht umsonst ist es sinnvoll sich seine Lehr- und Leitsätze immer wieder einmal bewusst zu machen und sie kritisch zu hinterfragen. Zu vereinfachte Leitsätze können einen unglücklich machen.