Früher habe ich Wanderparkplätze verachtet und nicht verstanden. Heute verachte ich, wofür sie stehen, erkenne aber ihren Nutzen.

Aufgewachsen bin ich nahe des Waldes. Wenn wir spazieren gehen wollten, konnten wir fußläufig in den Wald gehen. In der Nähe gab es einen großen Wanderparkplatz, wo sich an schönen Tagen die Autos sozusagen gestapelt haben. Wir haben über die Leute gelacht, die mit dem Auto zum Spazieren fahren.

Ich dachte mir, dass man halt einfach in Waldnähe wohnen soll, wenn man gerne spaziert. Dann muss man auch nicht mit dem Auto zum Wald fahren. Tja, das war mal wieder ziemlich naiv. Jetzt, wo ich auf Haussuche bin und ich mich seit Jahren mit Verkehrspolitik beschäftige, erdrückt mich das Thema. Wohnen in Waldnähe ist heutzutage unglaublich teuer. Oder aber man wohnt »auf dem Land« und fährt dafür eben mit dem Auto zu allem anderen. Häufig ist Wald auch nicht sinnvoll mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar.

Und so richtig viel Wald gibt es dann auch nicht in einer Großstadt. Wir wohnen am Stadtrand, haben mit Ennert und Birlinghovener Wald zwei Wälder in der Nähe. Aber zum einen ist der Ennert von großen Straßen zerschnitten und verlärmt, zum anderen wohnen wir auch nicht direkt am Waldrand. Somit laufen wir schon Kilometer bis zum Waldrand. Und das ist für einen mittleren Spaziergang dann schon ein signifikanter Teil der Gesamtstrecke. Man kann da zu Fuß hin, allerdings läuft man dann die meiste Zeit und Strecke durch wenig erholsame Straßen.

Nachdem wir den ernüchternden Ferienhauspark hinter uns gelassen hatten, haben wir Urlaub von zuhause aus gemacht. Und ich habe meine eigene Erholung über moralische Abwägungen wie die Vermeidung von Autofahrten gestellt. Ich wollte im Siebengebirge in einem ordentlichen Wand mal so richtig Wandern gehen. Ich kann zum Siebengebirge mit Bussen anreisen, dauert auch nur 1:15 h mit zwei Umstiegen. Auf dem Rückweg das gleiche. Wir sind dann 20 Minuten mit dem Auto gefahren, haben auf dem Wanderparkplatz Margarethenhöhe geparkt. Dort hat das Parkticket 3 EUR gekostet. Eine gute Gelegenheit das Kleingeld loszuwerden.

Vom Parkplatz aus haben wir eine Rundwanderung gemacht, das war wirklich schön. Ein paar Tage später haben wir das wiederholt, da sind wir auf den großen Ölberg rauf. Von dort aus hat man eine Aussicht, die ich nicht jeden Tag genießen kann.

So haben wir im Urlaub dann drei Wanderungen von verschiedenen Wanderparkplätzen unternommen.

Irgendwie ist es absurd. Wir sind mit dem Auto zweimal 13 km zu fahren, um dann 9 km Wandern zu gehen. Beim sportlichen Aspekt ist es doch egal, wo man das macht. Man kann doch auch durch das Wohngebiet gehen. Aber im Wald waren wir deutlich entspannter, spürten den Abfall von Anspannung. Waldspaziergänge tun einfach gut. Und wir wohnen eben nicht direkt am Wald.

Zudem sind zweimal 20 Minuten Autofahrt gegen 3:15 h Wanderung auch ein Verhältnis, das erholsam ist. Mit dem Auto haben wir viel mehr Strecke zurückgelegt als zu Fuß, aber in deutlich weniger Zeit. Wären wir mit dem Bus gefahren, so wäre der Erholungseffekt wohl deutlich geringer und auf der Rückfahrt womöglich schon zunichte.

Ich verstehe nun sehr gut, welchen Vorteil die Wanderparkplätze haben. Sie bieten eben jenen Leuten die Möglichkeit für erholsame Waldspaziergänge, die sie zuhause nicht haben. Und weil die Welt so ist, nutze ich sie inzwischen auch.

Für mich stehen sie aber für etwas größeres, was ich ablehne. So haben wir unsere Städte und Regionen so entwickelt, dass Funktionen immer weiter auseinandergezogen werden. Früher, in einer wahrscheinlich von mir romantisiert verklärten Zeit, haben Leute über ihren Geschäften gewohnt. Die hatten also keine lange Anfahrt zur Arbeit. Der Markt war auch nicht allzu fern. Die Wege waren kurz, man konnte viel zu Fuß oder mit Karren machen. Es war womöglich das, was man heute als 15-Minuten-Stadt bezeichnen würde.

Dann hat man aber die Funktionen räumlich immer weiter getrennt. Anstelle vom kleinen Markt im Wohnquartier gab es den großen Supermarkt am Stadtrand. Da musste man mit dem Auto hin. Also mussten dort Parkplätze hin. Entsprechend sind die ganzen Grundstücke riesig und weit auseinander. Die Wege werden immer länger, man braucht das Auto. Und wenn man schon einmal im Auto sitzt, dann kann man auch immer weiter fahren. Es werden immer mehr Straßen ausgebaut und somit die Reichweite erhöht, die man in erträglicher Zeit fahren kann. Lokal gibt es immer weniger, weil man immer weiter fahren kann.

Somit sinkt auch der Druck irgendwas lokal zu haben. Der Verkäufer einer Fertighausfirma mit Grundstücks-Service fragte uns zur Lage nicht, was wir an lokaler Versorgung wünschten, auf was wir Wert legen würden. Nein, seine Frage war nur »wie weit sind sie bereit zu fahren?« Es legt also zu Grunde, dass man für jeden Kleinkram fährt. Und somit ist es nur logisch, dass man eben auch für einen Spaziergang fährt.

Mit dem Auto zum Wald zu fahren ist für mich nur eine Stufe vor der Autofahrt ins Fitnessstudio. Warum würde man das tun? Weil der Weg zu Wald oder Krafttraining zu weit ist oder zu unangenehm. Und viele meiner Wege sind unangenehm, weil es so viel Autoverkehr und zu wenig Fahrradinfrastruktur gibt.

Aber eben weil mein Engagement für die Verkehrswende fast nichts gebracht hat und die Stadt Bonn unfähig ist auch nur ein paar Fahrradstraßen rechtssicher umzusetzen, bin ich ernüchtert. Ich kann anscheinend nichts positives erreichen. Daraus leite ich aber auch ab, dass mein Verhalten nicht mehr viel verschlimmern kann. Und somit fahre ich nun auch gelegentlich mit dem Auto zum Wanderparkplatz um mich im Wald vom ganzen Autolärm und sonstigen Stress zu erholen.