»Bonn muss sicherer werden«

Aktuell sind ja wieder Kommunalwahlen in NRW, entsprechend hängen da wieder Wahlplakate. Und in Bonn plakatiert der Bürger Bund Bonn mit »Bonn muss sicherer werden«. Lasst uns das mal auseinandernehmen.

Es gibt Prädikate, die ohne Kontext keinen Sinn ergeben. Zum Beispiel passt ein T-Shirt einer Person gut, einer anderen Person aber nicht. Und was sagt das jetzt über das T-Shirt aus? Es würde wenig Sinn ergeben, wenn man es als »gutsitzendes T-Shirt« bezeichnet, weil es ja von der Person abhängt, die es tragen möchte. Wenn ein Kleidungsgeschäft also mit »gutsitzender Kleidung« wirbt, bedeutet das letztlich nichts. Bei »qualitativ hochwertigen Stoffen« kann ich allerdings durchaus etwas sinnvolles sehen.

Letztlich geht es darum, ein Optimum zu finden. Ein Zustand ist optimal, wenn eine Kostenfunktion minimiert wird (oder ein Nutzen maximiert, das ist äquivalent). Allerdings hängt es von der Wahl der Kostenfunktion ab, was das Optimum sein wird. Beim T-Shirt kann ich als Kostenfunktion die Abweichung von einem lockeren aber passenden Sitz nehmen. Und das optimale T-Shirt ist dann eines, das überall locker aber passend sitzt. Nun kommt aber noch das Hautgefühl des Materials dazu, der Preis, die Farbe und der Aufdruck. Und dann wird die Kostenfunktion deutlich komplexer: Wie bewerte ich eine T-Shirt, bei der mir die Farbe gefällt, das aber am Arm etwas zu kurz ist? Ist das besser als ein teureres, bei dem die Farbe etwas langweiliger ist, der Sitz aber besser?

Das muss ich beantworten, aber mit der für mich richtigen Kostenfunktion kann ich das »optimale T-Shirt« finden. Und somit ist das dann das »beste T-Shirt« für mich. Es ist nicht das beste T-Shirt für jede Person.

Kommen wir zur Sicherheit. Was bedeutet das für mich, was kann das alles bedeuten?

  1. Niemand nimmt mir mein Eigentum weg, also keine Einbruchdiebstähle.
  2. Ich kann mich frei im öffentlichen Raum bewegen, ohne dass mich jemand ausraubt, absticht oder sexuell belästigt.
  3. Als Radfahrer werde ich nicht von Autofahrer:innen angefahren und muss auch keine Angst haben, dass das passiert.
  4. Haustüren und Autotüren sind nicht abgeschlossen, damit ich mich auch in fremder Umgebung vor einem Braunbären in Sicherheit bringen kann.
  5. Es kommen keine Vertreter an meine Haustür und tricksen mich in einen Glasfaseranschluss, der am Ende gar keiner ist.
  6. Autofahrer:innen, die nicht mehr fahrtauglich sind, werden aus dem Verkehr gezogen.
  7. Ich kann mir immer sicher sein, dass ich mein Zuhause (Mietwohnung) nicht verlieren werde.
  8. Ich kann mir immer sicher sein, dass ich Mieter aus meiner Eigentumswohnung rauswerfen kann, um frei über mein Eigentum zu verfügen.
  9. Ich kann mein Auto im öffentlichen Raum parken, ohne dass es beschädigt wird.

Man sieht, es gibt da diverse gegensätzliche Ideen, für die Sicherheit stehen kann. Und von daher muss man auf die Aussage »Bonn soll sicherer werden« fragen, wovor denn? Was ist der Angriffsvektor, gegen den geschützt werden soll? Und dann kommen daraus dann ganz viele unterschiedliche Dinge.

Wenn man im Norden Kanadas wohnt und die Dörfer immer wieder von Braunbären heimgesucht werden, sind nicht verriegelte Haustüren eine Sicherheitsmaßnahme. So kann man zur Not einfach bei einem ins Haus rennen und sich vor dem Bären verstecken. Geht es aber darum, dass man Diebstähle durch Einbrecher unterbinden möchte, sind abgeschlossene Haustüren eine Sicherheitsmaßnahme.

Geht es um die Sicherheit der Radfahrer:innen vor den Autofahrer:innen, so erlaubt man ihnen das Befahren der Fußgängerzone (konkret Friedrichstraße in Bonn). So können sie eine vom Kraftverkehr viel genutzte Straße (Oxfordstraße) umgehen. Hat man aber die Sicherheit der Fußgänger:innen vor den Radfahrer:innen im Sinn, so würde man den Radverkehr aus der Fußgängerzone verbannen und sie auf den Umweltfahrstreifen der Oxfordstraße dem Busverkehr vorwerfen.

Soll die Innenstadt sicherer für rechte weiße Männer mit Kaiserreich-Flaggen auf der Kleidung machen, muss man andere Maßnahmen ergreifen, als wenn sie sicherer für linke queere Menschen mit Migrationshintergrund machen möchte. Diese Maßnahmen schließen sich wahrscheinlich gegenseitig aus. Und das ist das Problem. Man sieht ja zum Beispiel in den USA, wie »Sicherheit« für bestimmte Gruppen eine gigantische Unsicherheit für andere Gruppen erzeugen.

»Sicherheit« klingt erstmal nur positiv. Von daher ist es ein gefälliges Wahlversprechen. Aber letztlich ist es so nur eine Worthülse.