Bleistift-Portrait von Wolodymyr Selenskyj mit Loomis-Methode

Ich habe ein Portrait gezeichnet und dabei die Schritte dokumentiert. Es ist somit ein Tutorial geworden.

Zuerst habe ich nach einer Vorlage gesucht. Politiker:innen bieten sich an, weil es häufig gute und frei nutzbare Fotos von ihnen gibt. Außerdem sind sie Personen des öffentlichen Lebens, wodurch das Recht am eigenen Bild nicht verhindert, dass man deren Bild zeigen darf (unabhängig von Urheberrecht und Lizenz).

Ich habe ein offizielles Foto von Wolodymyr Selenskyj gewählt, das unter der Creative Commons CC0 effektiv gemeinfrei nutzbar ist.

Bildquelle: President of Ukraine. Wolodymyr Selenskyj. 1. April 2022. Über Wikimedia Commons.

Das Bild habe ich schon auf das A4 Seitenverhältnis zugeschnitten.

Loomis-Konstruktion

Ich nutze das System von Andrew Loomis1, um mir die Struktur im Gesicht zu verdeutlichen. Im ersten Schritt nutzen wir eine starke Vereinfachung des Kopfes.

Es kommen vier horizontale Linien rein:

  1. Haaransatz
  2. Augenbrauen und Oberkante der Ohren
  3. Unterkante der Nase und Unterkante der Ohren
  4. Kinn

Zusätzlich kommt noch eine vertikale Mittellinie rein. Mit diesen Linien eingezeichnet, sieht das so aus:

Die drei Linien sind im idealisierten Gesicht genau weit auseinander. Die Stirn, Augenpartie und Mundpartie machen jeweils ⅓ der Höhe aus. Reale Personen weichen davon immer etwas ab, genau in diesen Abweichungen steckt die Individualität.

In der App Head Model Studio kann man auch noch das idealisierte Modell anschauen. Das besteht aus einer Kugel für den Cranium cerebrale (Hirnschädel), die an den Seiten für die Schläfen abgeschnitten wird. Für das Cranium viscerale, den Gesichtsteil des Schädels, ist eine zylindrische Fläche vorgesehen. So sieht das aus:

Wir können nun noch weitere Linien zum Foto hinzufügen. Ich habe den Kreis für die Schläfe und den großen Kreis für das Cranium cerebrale hinzugefügt. Letzteren finde ich immer ziemlich schwer zu finden, sollte aber den Kopf komplett einschließen und die Schläfenkreise ebenfalls.

Es gibt aber noch weitere Merkmale, die wir einzeichnen können. So können wir noch Kinn und Wangenknochen einzeichnen.

Das Einzeichnen habe ich diesmal mit Inkscape gemacht. Man kann es allerdings auch mit einem Malprogramm oder mit dem Finger auf einem Tablett machen.

Im idealisierten und mit planen Flächen angenähertem Modell können wir die Wangenknochen ebenfalls sehen:

Ausmessen

Man kann diese Struktur nun nach Augenmaß auf das Papier übertragen. Das habe ich jetzt viele Male gemacht, so richtig super ist es am Ende bisher nicht geworden. Mein Augenmaß ist einfach noch nicht so gut trainiert.

Vom Anblick her würde ich sagen, dass seine Nase kürzer ist als die ⅓.

Mit Inkscape kann ich jetzt diverse Messungen vornehmen:

Und das hier habe ich alles gemessen:

  • Haaransatz bis Augenbrauen: 58 mm
  • Augenbrauen bis Unterkante Nase: 50 mm
  • Unterkante Nase bis Kinn: 69 mm
  • Unterkante Nase bis Oberkante Oberlippe (Tiefpunkt des Lippenherzes): 3,5 mm
  • Unterkante Nase bis Unterkante Unterlippe: 28 mm
  • Durchmesser Pupille: 11 mm
  • Durchmesser Cranium-Kreis: 190 mm
  • Breite rechtes Auge: 30 mm
  • Augenabstand: 31 mm
  • Breite linkes Auge: 31 mm
  • Mittellinie bis Schläfenansatz: 60 mm
  • Mundbreite: 49 mm
  • Kinn bis T-Shirt: 37 mm

Grobe Skizze

Dann habe ich auf dem Papier angefangen die Eckpunkte zu übertragen. Dazu habe ich dann aber doch nicht die Messungen genommen sondern die Koordinaten direkt. Das ist dann eher wie die Arbeit mit dem Gitter. War einfach praktischer so.

Diese Vorzeichnungen mache ich mit einem 0,3 mm Drückbleistift mit einer 2H Mine. Dazu nutze ich auch noch einen mechanischen Radierstift, um präzise einzelne Striche wieder zu entfernen.

Ich zeichne auf Kopierpapier mit 120 g/m² Grammatur. Das ist eineinhalb so schwer wie normales Kopierpapier und knickt nicht beim Radieren. Kopierpapier ist auch ziemlich glatt, wahrscheinlich heiß gewalzt. Dadurch ist es viel feiner und glatter als Zeichenpapier. Man hat weniger Abrieb auf glatten Papier, was mich feiner schattieren lässt. Grobe Struktur ist gut für Kohlestifte, zwingt allerdings dem ganzen Bild eine körnige Struktur auf. Habe ich früher genutzt, mag ich gerade nicht mehr.

Dann habe ich diese Skizze eingescannt, hier ist sie:

Dieses Bild habe ich invertiert (Schwarz und Weiß tauschen) und über das Foto mit den Loomis-Linien gelegt. Man erkennt so, was noch nicht passt. In der Softwareentwicklung gibt es die Idee "fail fast", man möchte möglichst schnell Fehler finden. Auch in der Start-Up-Szene gibt es diese Ideen, man möchte möglichst schnell ein Minimally Viable Product auf den Markt bringen, um den Product Market Fit zu prüfen. Jedenfalls kann man sich beim Zeichnen auch damit helfen.

Und hier kann man einige Punkte sehen:

  • Das Kinn habe ich viel zu tief angesetzt. Keine Ahnung, was da passiert ist.
  • Der Hals ist auch an der ganz falschen Stelle.

Das korrigiere ich jetzt und erhalte so die zweite Skizze:

Das passt schon deutlich besser.

  • Aber auf der rechten Seite ist die Schläfe noch zu eckig.
  • Das T-Shirt habe ich zu eckig ausgeschnitten.
  • Die Linie unter der Nase ist etwas zu tief.
  • Die Linie am Ohr ist zu weit links.

Das habe ich noch in der dritten Skizze korrigiert:

Jetzt passt das deutlich besser. Ich habe auch noch die Ohren den Haaransatz an den Schläfen eingezeichnet. Sein rechtes Ohr ist etwas zu tief, aber das kann ich im nächsten Ansatz noch korrigieren.

Gesichtsmerkmale

Als nächstes füge ich die Gesichtsmerkmale hinzu. Diese kommen dann in Relation zu dem groben Gerüst an ihren Platz.

Das hier ist die nächste Skizze:

Die Kreise für die Pupillen habe ich frei gezeichnet. Dann habe ich gemessen, es war rechts wirklich 11 mm, links waren es 9 mm. Der Abstand betrug auch direkt die 61 mm, die ich vorher gemessen hatte. Da war ich von meinem Augenmaß überrascht.

Es ist allerdings alles ein bisschen schief geworden. Also eher ist meine Zeichnung zu gerade, dabei hat Selenskyj seinen Kopf ja geneigt. Da muss ich noch ein bisschen korrigieren. Der Mund ist fast da, die Nase muss nochmal. Der Wangenknochen scheint aber zu passen. Die Kontur vom Bart muss auch noch etwas korrigiert werden.

Das ist alles sehr viel Detailarbeit. Aber wir wissen ja, dass eine gute Grundlage die beste Voraussetzung für eine solide Basis ist. Von daher sollte man sich die Zeit dafür nehmen. Ansonsten hat man noch viel mehr Stunden in das Schattieren einer Zeichnung gesteckt, bei der die Proportionen nicht stimmen.

Nun die nächste Skizze:

Sein linkes Auge ist noch immer zu hoch. Nase und Mund passen, der Oberlippenbart noch nicht so ganz. Der restliche Bart passt ganz gut. Sein linkes Ohr ist noch etwas zu hoch, das rechte passt.

Also nochmal die Augen und weitere Dinge korrigieren. Ich habe dann auch noch weitere Details im Ohr und T-Shirt ergänzt.

Nun sieht es nochmal besser aus als vorher. Aber das T-Shirt möchte ich noch ausbessern, sowie die Details im anderen Ohr ergänzen.

Jetzt passt es. Endlich. Das waren jetzt 7 Scans und Überlagerungen, bis es komplett passt. Wobei, die Augenbrauen sind noch etwas fehl am Platz. Das passe ich dann noch vor dem Schattieren an.

Ich habe hier noch die Differenz zwischen einer der ersten und der letzten Skizze dargestellt. Weiße Linien haben sich nicht verändert. Die roten Linien habe ich entfernt, die cyanen Linien sind neu.

Man kann gut erkennen, dass ich die Augen noch gut überarbeitet habe, den Mund auch.

Ganz am Anfang war das Kinn und die Nase zu lang. Das sind typische Fehler, die ich in meinen letzten Portraits auch immer gemacht habe. Die Leute sahen dadurch merkwürdig aus, ich würde es selbstkritisch sogar Pferdegesicht nennen. Daher habe ich bei diesem Bild mit dem Scanner und Überlagerung kontrolliert, dass ich die gleichen Fehler nicht wieder mache.

Grundierung

Nun steht das Gerüst, das Schattieren kann beginnen. Ich nutze für dieses Bild normale Graphitstifte (Bleistifte) in den Stärken HB, 2B, 4B und 6B. Anstelle von den klassischen Holzbleistiften nutze ich Fallminenstifte; das ist aber am Ende egal, die Mine ist die gleiche, der Halter ist nur Metall statt Holz. Wichtig ist auch ein Schmierblatt zum Abdecken, damit ich mit dem Handballen nicht das Graphit verschmiere.

Ich fange mit HB an und schattiere einmal die komplette Haut im Gesicht. Dort, wo sie heller ist, nur schwach. An anderen Stellen mit etwas mehr Druck.

Man sieht noch die Struktur der Striche, das möchte ich bei der Grundierung so nicht behalten. Daher nehme ich einen Papierwischer, mit dem ich das Graphit nun verwische.

Für die großen Flächen nutze ich den Papierwischer mit 15 mm Durchmesser, damit ich ein weiches Ergebnis bekomme. Für die Ohren habe ich den mit 9 mm Durchmesser genommen, weil die Merkmale dort viel feiner sind.

So sieht es jetzt aus:

Es ist deutlich dunkler geworden, weil nun auch noch die Furchen im Papier mit Graphit gefüllt sind. Aber das ist kein Problem, mit einem Knetradierer kann ich gleich auch wieder Graphit wegnehmen und so die Highlights setzen. Es ist allerdings für mich einfacherer, erstmal ein mittleres Grau zu erzeugen und dann einzelne Highlights mit dem Radierer zu setzen als diese Highlights von Anfang an aussparen zu müssen.

Dann habe ich die Haare und Bart mit 4B grundiert, das T-Shirt mit 2B. Die Pupillen mache ich meist auch früh, weil diese weißen Augen so komisch wirken. Da habe ich das schwarze mit 6B gemacht und die Iris mit 4B. Die Lippen habe ich auch mit 2B angefangen. So sieht es jetzt aus:

Details

Ab hier habe ich kein festes Schema. Ich schaue mir jetzt an, was mich am meisten stört und arbeite daran. Das hier habe ich im nächsten Schritt gemacht:

  • Augen ausgearbeitet
  • Highlight am Wangenknochen gesetzt
  • Nase ausgearbeitet
  • Lippen ausgearbeitet
  • Highlight auf der Stirn gesetzt
  • Ohren ausgearbeitet

Bei seinen dunklen Haaren ist es schwer zu sehen, wie genau die fallen. Hier finde ich es immer hilfreich, die Helligkeit im Bild deutlich zu erhöhen, sodass die Struktur besser erkennbar ist.

Seine Haare sind also leicht gewellt und etwas aufgestellt. Sie laufen von unten rechts nach links oben im Bild. In der linken Bildhälfte fallen auch ein paar Haare auf die Stirn.

Ich nutze jetzt einen spitzen 6B-Bleistift, um diese Textur in die Haare zu geben. Ich habe dann auch noch direkt Bart und Augenbrauen gemacht.

Das Haupthaar ist allerdings noch sehr flach. Da kann ich jetzt einmal mit dem Knetradierer fächige Highlights setzen. So ein Knetradierer ist wirklich wie Knete:

Damit kann man vor tupfen und reiben:

Außerdem kann ich mit dem Drückradierer einzelne helle Haare erzeugen. Mit dem Drückbleistift zeichne ich noch einzelne Haare an der Stirn ein. Dazu spitze ich den mit einem Stück Schleifpapier an.

Mit dem 6B-Bleistift habe ich noch dem Haupthaar eine Kugelschattierung gegeben, sodass der Kopf runder aussieht.

Nun sieht es für mich stimmiger aus:

Jetzt fehlt noch das T-Shirt.

Die Falten sehen jetzt doch ganz glaubwürdig aus.

Letzte Feinheiten

Nun war ich an allen Stellen einmal dran und habe die Details fertiggestellt. Nun gibt es noch ein paar Dinge, mit denen ich noch nicht so ganz zufrieden bin:

  • Im Kieferbereich wirkt das Bild noch sehr flach. Hier fehlt noch Licht und Schatten, um es plastisch zu machen.
  • Ebenso am Hals.

Wenn man sich nicht so sicher ist, wo Licht und Schatten ist, kann man den Kontrast im Bild erhöhen und es somit klarer sichtbar machen:

Und das hier ist das fertige Bild:

Fazit

Der Gesichtsausdruck ist leicht anders. In der Zeichnung schaut er besorgt auf den Boden. Im Foto schaut er in die Kamera. Da habe ich beim Ausarbeiten der Augen auch nicht mehr drauf geachtet. Jetzt ist es zu spät.

So ist das immer, am Ende finde ich dann doch noch Dinge, die nicht so ganz perfekt zur Vorlage passen. Allerdings sind die Proportionen gut geworden und man kann ihn auch einfach erkennen. Potential für Verbesserung zu erkennen ist schön, dann kann ich beim nächsten Bild auch noch darauf achten.

Das Projekt hat ungefähr acht Stunden gedauert. Ich habe an einem Tag die digitale Vorbereitung gemacht mit den Linien, dann einen weiteren Tag von 9 bis fast 18 Uhr gezeichnet, mit Pausen dazwischen. Mir hat es Spaß gemacht, insbesondere auch einmal den Prozess zu teilen.


  1. Loomis, Andrew. Drawing the Head and Hands. The Viking Press, 1956.