Betriebsunfälle und Verkehrsunfälle

Vergleicht man einmal die Handhabung von Betriebsunfällen mit Verkehrsunfällen, erscheint der Verkehr ein hoffnungslos deregulierter Raum zu sein.

Neulich war mal wieder Zeit für die jährliche Arbeitsschutzunterweisung. Da musste ich dann so eine Webseite besuchen und mir gut eine halbe Stunde Videos anschauen. Dabei habe ich diverse Dinge gelernt. Zum Beispiel die Unterschiede zwischen Leiter-, Stufen-, Klapp- und Rolltritten. Man soll auch ab einer Arbeitshöhe von 1,80 m eine Leiter nehmen. Tritte sollte man nur bei kleineren Höhen nehmen. Es wurde erklärt, wie die Tritte gewartet werden sollte und was man beachten soll.

Es gab auch noch genaue Vorgaben zum Verhalten im Brandfall, bei einer Verletzung eines Kollegen und so weiter. Sogar das Materialbuch im Verbandskasten wurde vorgestellt. Also alles sehr kleinteilig.

Wenn auf der Arbeit etwas passiert, dann ist das eine riesige Sache. Beim Maschinenbauer hier in der Nähe steht eine große Tafel »Tage ohne Unfall« mit einer elektronischen Anzeige darunter. Die Zahl ist inzwischen dreistellig, da scheint der Arbeitsschutz einen guten Job zu machen. Dem Schild nach ist das Ziel auch wirklich, keinen einzigen Unfall zu haben. Egal welcher Größe.

Ein Saint Gobain Glaswerk hat als Spruch dazu »work safety is no accident«. Das schöne Wortspiel damit, dass Arbeitssicherheit einerseits Unfallfreiheit bedeutet, gleichzeitig aber auch kein Zufall sondern explizite Arbeit ist, lässt sich wohl nicht ganz griffig ins Deutsche übersetzen. Hier ist das Ziel ebenfalls klar: Keine Unfälle.

Das Konzept keinerlei Unfälle zu haben, das hat im Bereich Verkehr den Namen »Vision Zero«. Es gibt da ein schönes Video einer staatlichen Unfallversicherung aus Australien, das eindrucksvoll zeigt, warum Null Verkehrstote das einzig sinnvolle Ziel sein kann. Davon sind wir im Straßenverkehr weit entfernt.

Es ist total normal, dass es zu Unfällen kommt. Und das auch nicht zu knapp. Alleine an der Fränkischen Straße habe ich einen Unfall und dann einen weiteren Unfall anhand der Sprühfarbe auf dem Boden erkannt. Derartige Stellen werden nicht nicht entschärft, trotz entsprechender Hinweise an die Kommunalverwaltung. Es sind einfach Gefahrenstellen, bei denen nicht nachgebessert wird.

Würden sich regelmäßig Förster mit Kettensägen in die Beine schneiden, würden Förster wohl sinnvolle Schutzkleidung verlangen. Die gibt es auch. Nutzt man eine Kettensäge, so muss man eine spezielle Hose tragen. Diese hat ganz viele Fäden drin, die die Kettensäge sofort zusetzt und die Kette bremst. Man kann sich damit nicht mehr so leicht verletzen.

Wie sieht das im Straßenverkehr aus? Da ist es auch ziemlich gefährlich auf einem Radweg zu fahren, wenn die Autofahrer aus der Querstraße kommend oder in sie hinein fahrend nicht hinreichend schauen. Dann passiert eben das, wie bei der Fränkischen Straße, dann werden Personen auf dem Fahrrad eben mal angefahren und schwer verletzt.

»Man muss halt besser aufpassen«, heißt es in Richtung der Radfahrer teilweise. Selbst wenn LKW-Fahrer ihre Spiegel nicht korrekt einstellen oder nicht nutzen, machen selbst Leute ohne LKW-Führerschein direkt die Entschuldigung »toter Winkel« auf. Die Polizei Hamburg demonstriert einmal die Spiegel. Man sieht also sehr viele Spiegel, mit denen kann man überall alles sehen. Das hält selbst Fahrradmagazine nicht davon ab, Toter-Winkel-Propaganda zu betreiben. Schaut euch mal die Fotos an! Da haben sie Plastiktüten über den Rampenspiegel und die Weitwinkelspiegel (Übersicht Spiegelbezeichnungen) gepackt. Mich macht das echt wütend: Spiegel abhängen und dann den Kindern erzählen, dass man sie nicht mehr sehen kann. Ganz im Ernst, liebes Land-der-Ingenieure: Wenn es einen nicht einsehbaren Winkel gibt, dann kann man einen Spiegel oder gar Kamerasystem bauen, damit man den einsehen kann.

Natürlich gibt es weiterhin Probleme, ein LKW-Fahrer kann nicht gleichzeitig in alle Spiegel schauen. Ein gewisser Selbstschutz ist faktisch nötig, das mache ich auch so. Aber so zu tun, als könnte man da nichts machen, ist faktisch falsch.

Viele schwere Maschinen, nehmen wir eine große Presse, sind verdammt gefährlich. Da werden Tonnen bewegt. Steckt da ein Finger oder ein Arm drin, ist der danach nicht mehr. Aber man beschränkt sich nicht auf eine Schulung und sagt, dass die Maschine einen toten Winkel hätte und halt keine Arme spürt. Man müsste halt aufpassen. Und wenn man sich verletzt, ist man selbst schuld. Nein. So eine Maschine hat zwei schulterbreit weit entfernte Schalter, die man mit den beiden Händen betätigen und festhalten muss. Wenn man auch nur eine Hand wegnimmt, stoppt die Maschine sofort. Es gibt noch zusätzliche Not-Aus-Schalter. Man hat diese Verletzungsgefahr baulich ausgeschlossen.

Beim Auto könnte man ebenfalls viele Gefahren konstruktiv entschärfen. Die Navis wissen ja schon jetzt, wie schnell man fahren darf. Also begrenzt sich das Auto elektronisch einfach auf das, was man dort fahren darf. Somit würde dieses ganze »10 km/h zu schnell zum Mitschwimmen« aufhören. Auch gäbe es dann wohl keine Rennen oder andere Dinge mehr. Man könnte auch per Ultraschall oder Laserscanner dafür sorgen, dass Auto sofort anhält, wenn es zu nah an Dinge kommt. Autonome Gabelstapler in Logistikhallen machen das schon längst, Lichtschranken an Pressen gibt es noch viel länger. Moderne Autos haben Totwinkelwarner. Biegt man trotzdem ab, gibt es nur einen Piepton. Das könnte man auch mit einer Vollbremsung kombinieren, technisch ginge das. Macht man nur nicht, weil die Leute dahinter zu wenig Abstand halten.

Oder nehmen wir den elektrischen Strom im Haushalt. Wenn man eine normale Schutzkontakt-Steckdose anschaut, dann hat die ein gewisses Loch in der Wand. Dieses Loch ist tiefer als die zwei Pins an den Steckern lang sind. Der Wulst des Steckers schließt das Loch komplett ab, bevor die Metallpins überhaupt in die Löcher der Steckdose gehen. Wenn ihr mir nicht glaubt, nehmt mal eine Mehrfachsteckdose. Deren Stecker versucht ihr mal so in die Steckdose selbst einzustecken, dass ihr noch irgendwie mit dem Finger Kontakt an die Pins habt. Es geht nicht. Man hat hier komplett auf Sicherheit geachtet, damit man nicht versehentlich noch Kontakt darauf habt. Mit Steckdosen aus den USA kann man das bei dünnen Fingern schaffen, aber das ist ja auch nicht deutscher Standard!

Beim Brandschutz sind wir auch extrem streng und spaßbefreit. An der Uni durfte in den Fluren überhaupts nicht stehen. Rauchabschlusstüren durften auch nicht »nur mal kurz« mit Gegenständen aufgehalten werden. Irgendwann mussten auch die Bilder aus den Gängen entfernt werden, weil bei einer Evakuierung jemand daran streifen könnte, das Bild auf den Boden fallen und es so zu einer Stolperfalle werden könnte. Die Gänge mussten ganz steril sein. In den Büros durften keine elektrischen Wärmequellen stehen, wenn sie nicht auf einer dicken Metallplatte standen.

In anderen öffentlichen Gebäuden ist es noch heftiger. Da gibt es erst keinen Wasserkocher, keine Mikrowelle. In der Kaffeeküche dürfen auch keine Polstermöbel mehr stehen, zu viel Brandgefahr. Auch wenn es noch so gemütlich, schön oder praktisch wäre, ist verboten. Wegen Brandschutz.

Aber warum ist das eigentlich so? Beim Brandschutz geht es auf die Kappe der jeweiligen Brandschutzbeauftragten. Wenn man denen irgendwelche Fehler nachweisen kann, dann sind die ruiniert. Da kann man keine Verluste oder Probleme irgendwie per Verantwortungsdiffusion verschwinden lassen. Bei betrieblichen Unfällen zahlt am Ende der Arbeitgeber. Es ist einfach direkt zu spüren. Die Arbeitgeber haben ein großes Interesse daran, dass sie ihre Leute nicht nach einem Unfall versorgen müssen.

Und im Straßenverkehr? Ist doch wirtschaftlich komplett egal, wenn jemand im Straßenverkehr verletzt oder getötet wird. Zahlt ja die allgemeine Krankenkasse oder irgendwelche privaten Versicherungen. Verantwortet wird die Infrastruktur von den Kommunen. Und solange die halbwegs nach den gesetzlichen Vorgaben gehandelt haben, sind es einfach nur unaufmerksame Akteure. Schließlich sind Unfälle ja verboten, da man ja immer achtsam fahren muss. Die Infrastruktur kann nicht das Problem sein.

Die Rechtsprechung ist da auch unmöglich. Da gab es einen Fall, bei dem jemand beim Rechtsabbiegen ein Kind tötete. Das Kind hat eine grüne Ampel überquert, der Autofahrer ist auch bei grün gefahren. Das ist erstmal alles korrekt, so funktioniert Rechtsabbiegen. Man muss die Leute durchlassen, die geradeaus gehen oder fahren. Nun hat der Autofahrer das Kind nicht gesehen und es dann totgefahren. Das Gericht spricht ihn frei, weil er ja nichts gesehen hat. Das macht lokal gesehen Sinn: Der Autofahrer hat nichts vorsätzlich falsch gemacht. Er dachte, dass frei sei, und ist gefahren.

Aber wie krank ist es denn, dass ein Auto, das offensichtlich nicht genug Übersicht über den Straßenverkehr bietet, für ebenjenen zugelassen ist? Bevor irgendwelche Medizingeräte zugelassen werden, müssen die absurde Zulassungen bekommen. Bevor ein Unternehmen eine neue Software nutzt, muss da erstmal eine Checkliste mit Sicherheitsfragen beantwortet werden. Unternehmen haben explizite Sicherheitsbeauftragte. Aber wenn man bei einem Auto die Fensterunterkanten nach oben erhöht, damit es mehr nach Panzer aussieht und es cool ist, dann ist das okay.

Schaut euch mal bei Renault den Espace 1 und den Espace 5 an. Die Modelle sind 30 Jahre auseinander. Und beide Fotos sehen aus ungefähr der gleichen Höhe eines Erwachsenen aufgenommen. Beim ersten Bild kann man ganz locker ins Auto schauen, die Fenster sind recht tief. Es wirkt luftig und übersichtlich. Beim Renault 5 hingegen wirkt es etwas wie ein Transportpanzer. Man hat ein viel klobigeres Auto und viel weniger das Gefühl vom Fahrersitz aus gesehen werden zu können.

Ich würde mir wirklich wünschen, dass wir Verkehrssicherheit mit der gleichen Systematik wie den Arbeitsschutz in Unternehmen angehen. Und das so pedantisch umsetzen wie die Brandschutzbeauftragten, die ich bisher kennengelernt haben. Das würde wahrscheinlich dazu führen, dass das Konzept SUV ganz schnell weg ist. Wir hätten GPS-gesteuerte Höchstgeschwindigkeiten, strenge Totwinkelwarner und diverse andere Dinger. Aber irgendwie hält sich hier die Erzählung von Freiheit. Vielleicht findet sich ja mal jemand, der mir mal nostalgisch von der ganzen Freiheit zur Amputation im Presswerk erzählen kann.